Ghazalleh Pakseresht und Laurids Novak (SEZ) bei der Akteurskonferenz der Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak in Stuttgart ©SEZ/ Hasan Malla
Auf unserer letzten Reise in den Nordirak haben wir Ghazalleh Pakseresht getroffen. Sie ist die Mutter des verstorbenen Musikers, Unternehmers und Produzenten Xatar (geb. Giwar Hajabi). Ghazalleh war Lehrerin im Iran und musste vor Repressalien bis hin zum Gefängnisaufenthalt mit ihrem Kind Giwar (Xatar), aufgrund Ihres politischen Engagements im Iran und Irak, nach Deutschland fliehen. Gemeinsam haben wir die Schule für Waisenkinder vom Verein Our Bridge e. V. in Khanke, im Nordirak, besucht. Erfahren Sie im Interview mehr über das geförderte Projekt, den Bezug zu Xatar sowie die Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak.
Liebe Ghazalleh, schön, dass wir uns heute hier bei der Akteurskonferenz der Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak in Stuttgart wieder treffen und du Zeit für ein kurzes Gespräch hast. Uns interessiert vor allem, was du in dem Projekt von Our Bridge e. V. siehst, was begeistert dich an dem Projekt?
Mein Sohn Giwar, also Xatar, hat mich bei seinem Engagement für die jesidischen Kinder nach dem Genozid immer Teil haben lassen.
Xatar war wie viele Menschen schockiert vom Massaker an den Jesidinnen und Jesiden. Deshalb wollte er unbedingt etwas für jesidische Kinder tun, die durch Daesh zu Waisenkindern geworden sind. Dann entstand durch Paruar Bako die Idee ein Waisenhaus zu bauen und Giwar hat sofort alles eingesetzt, was in seiner Macht stand, um die Idee zu realisieren. Er hat seine Rap- und Musikfreund*innen für ein Konzert arrangiert, um den Erlös nach Kurdistan zu schicken (“The Voice of The Voiceless”, Anm. der Red.). Ideen gibt es wie Sand am Meer, aber wenn die Idee nicht durch Geld unterstützt wird, dann bleibt es immer nur ein Traum. Deshalb hat Giwar, wie Paruar und Michael dankbar sagen, als Erster das Licht gezündet.
Warum ich nach seinem Tod nochmal hingegangen bin – um ihm nah zu sein. Ich hatte das Gefühl, dass ich dort seiner Seele näher bin. Ich glaube, dass er meinen Besuch mitbekommen hat, auch wenn er nicht mehr hier ist.
Ich glaube, er wollte nicht, dass ich allein dort bin, aber das war ich nicht – du und Philipp waren dort und Paruar (Laurids Novak und Philipp Keil von der SEZ und Paruar Bako von Our Bridge e.V., Anm. d. Red.). Ihr alle habt euch um mich gekümmert, wie Botschafter von Giwar. Das war etwas ganz Besonderes für mich und hat mich abgelenkt. Vor Ort habe ich gesehen, dass sein Weg weiter geht. Deshalb war ich dort und habe sehr, sehr viel Kraft mit zurück nach Deutschland genommen.
Ich versuche natürlich, seinen Weg durch meine Erfahrungen und in meinem Bekanntenkreis weiterzuführen, um eure Organisation beziehungsweise Paruar und Our Bridge zu unterstützen. Die Idee soll weitergehen.
Was würdest du sagen, zeichnet dieses Projekt von Our Bridge e.V. und Paruar Bako aus? Was macht es zu so etwas Besonderem?
Also das Besondere ist, was die Kinder jetzt haben. Einen Ort, wo Werte und Menschenrechte weitergeführt und gepflegt werden. Das, was ihr macht, eure Organisation, dass ihr diese Schule unterstützt, das ist etwas Besonderes. Und was mir am meisten gefällt, sind die jungen Engagierten – Paruar und Michael – sie sind einmalig, also was sie bereits alles gemacht haben.
Philipp (Keil, Geschäftsführender Vorstand der SEZ, Anm. d. Red.) hat vorhin gesagt, wir müssen von den Betroffenen, den Menschen vor Ort lernen. Also diese zwei jungen Männer aus Deutschland (Paruar und Michael von Our Bridge e.V., Anm. d. Red.), sind einfach nach Khanke gegangen und engagieren sich dort seit Jahren. Giwar hat nachdem Paruar ihm von der Idee erzählte auch einfach gesagt, komm das machen wir – mit vollem Vertrauen in die jungen Engagierten. Das gibt mir Kraft.
Die Kinder haben mir erzählt, dass sie irgendwann mal Ärzte oder Lehrerinnen werden wollen. Ich habe in den Kindergesichtern und ihrem Lächeln Giwars Seele gesehen. Und auch als ich traurig war, kamen die Kinder zu mir und haben mir ein Bild von ihm gezeigt, wo steht “Unser Robin Hood”. Die Begegnungen mit den Kindern haben mich getröstet, sie haben gesagt, ich solle nicht weinen. Also das war sehr bewegend.
Es ist sehr schön, dass du deine Erlebnisse mit uns teilst und den Wert bemisst, den diese Projekte für uns haben. Auch, dass du das mit einem ganz anderen, für uns so wertvollen Blick bewertest. Vielleicht noch zum Abschluss die Frage: Was wünscht du dem Projekt?
Also ich wünsche mir für das Projekt, dass das Engagement in Deutschland auch gesehen und wertgeschätzt wird. Die Engagierten sind noch so jung, aber so weise. Sie haben so viel auf die Beine gestellt, sie geben ihr Bestes und es geht immer weiter. Das heißt, diese Unterstützung von euch, die fruchtet und das wird noch mehr – wie bei Blumen, wenn der Wind kommt und den Samen weiterträgt.
Und was würdest du der Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak wünschen?
Das ist eine sehr wichtige Frage. Ich denke, was ihr bis jetzt gemacht habt, macht ihr sehr gut, also weitermachen. Ich bin sehr dankbar und sprachlos, wie und wie sehr ihr euch für die Kurdinnen und Jesiden einsetzt und helft. Ich wünsche euch und uns, dass ihr diese Bemühungen auch in Zukunft weiter macht und weiter machen könnt.
Liebe Ghazalleh, möchtest du uns noch spontan eine Idee äußern, welche Art von Projekt aus deiner Perspektive gut für die traumatisierten Kinder vor Ort sein könnte?
Musik heilt die Seele, egal was man erlebt hat. Als Mutter von Xatar und selbst Musikerin fände ich es schön, wenn man Räumlichkeiten schafft, in denen die traumatisierten Kinder Musik erleben und lernen können. Klassische Instrumente wie Geige, Klavier aber auch mit orientalischer Musik und Instrumenten wie der Sitar und Saz. Es wäre schön, wenn in zehn Jahren, die Kinder als Orchester auftreten und ihre Musik zum Beispiel hier in Europa teilen. Musik und Sport, das heilt sehr und damit kann man auch seinen Lebensunterhalt verdienen.
Für uns ist es immer ein besonderer Moment, die Schule Harman von Our Bridge zu besuchen. Einmal waren wir mit Ihnen im Heiligtum Lalesch, ein anderes Mal haben wir spannende Menschen getroffen, die jetzt auch hier bei der Akteurskonferenz sind und jetzt bei der letzten Reise im Oktober haben wir dich kennenlernen dürfen. Uns war immer bewusst, dass Xatar wie ein Patron seine Hand über Our Bridge gehalten hat, aber uns war nicht ganz klar, wie konkret. Danke, dass wir durch dich und deine Erzählungen Giwar, also Xatar, und sein Wirken persönlich erfahren konnten. Wir sind dankbar, dass wir dich dort kennenlernen durften und hoffen, dass du uns in der Partnerschaft erhalten bleibst.
Ja, natürlich das werde ich. Vielen Dank als Kurdin an euch, an die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg, und besonders an euch, Laurids (Novak) und Philipp (Keil), für euer Engagement für die Kurden und Jesidinnen in Khanke und Shengal.
Hast du noch etwas auf dem Herzen, das du gerne teilen möchtest?
Michael Erk, der Schulleiter der Schule bei Our Bridge schrieb mir nach meinem Besuch sehr bewegende Worte. Einen kurzen Ausschnitt davon, der mich sehr berührt hat, möchte ich gerne teilen:
“Seine (Giwars bzw. Xatars) Spuren sind lebendig in den Mauern unserer Schule. In den lachenden Stimmen der Kinder. In jedem Traum, der dort neu geboren wird.”
Das hat mich sehr beruhigt und macht mich stolz als Mutter.
Ghazalleh vielen Dank für deine Zeit und, dass du heute hier bist.
Ich danke dir, also euch, dass ich euch kennengelernt habe. Das war für mich eine einmalige Begegnung. Also vielen Dank.