“Ich bin Friedensbotschafter” – ein Gespräch mit Charles Nkazamyampi
Wie alt waren Sie, als Sie mit dem Laufen angefangen haben? Was hat Sie dazu motiviert?
Schon als Kind bin ich viel gelaufen: Ich habe die Kühe gehütet und bin vier Kilometer zur Schule gelaufen. Nachdem ich von der Schule zurückgekommen bin, schickte man mich zu Erledigungen und ich rannte los. Das war mein Leben und das erfüllte mich.
Welche Bedeutung hat der Sport für Sie auch heute noch?
Der Sport hat mir in meinem Leben sehr geholfen. Zuerst hat er mir ermöglicht, einen Platz unter jungen Menschen in Burundi zu finden. Dann hat er mir ermöglicht, schon mit 15 Jahren in andere Länder zu reisen.
Mein erster internationaler Wettkampf war 1987 in Kongo-Brazzaville. An diesem Tag gewann ich zwei Silbermedaillen, eine im 800-Meter-Lauf und eine im 1500-Meter-Lauf. Zurück in Burundi wurde ich sehr herzlich empfangen. Das hat mich noch mehr motiviert. Im selben Jahr fanden die ersten Wettkämpfe der Frankophonie in Casablanca, Marokko, statt. In diesem Moment, begann ich, die Bedeutung des Sports zu begreifen. Dort traf ich Scouts aus Frankreich, die auf mich zukamen: „Wir kümmern uns um französischsprachige Jugendliche. Wir geben dir ein Stipendium, damit du nach Frankreich kommen kannst.“ Für mich ging ein Traum in Erfüllung.
Wie sieht der Alltag eines Spitzensportlers aus?
Zunächst einmal sind wichtige Eigenschaften die Leidenschaft, Entschlossenheit und Disziplin.
Man muss seinen Sport lieben, aber auch diszipliniert sein, um erfolgreich zu trainieren. Ohne Disziplin kommt man beim Sport nicht weit.
Als ich nach Frankreich ging, musste ich mein Training verändern. Ich fand einen Trainer mit viel Erfahrung. Außerdem wurde mir ein Arzt zur Seite gestellt, der mein Training und meine Gesundheit überwachte. Zuletzt hatte ich auch noch einen Manager, der sich um die internationalen Angelegenheiten kümmerte.
Ich habe dreimal am Tag trainiert: Ich stand um 5 Uhr auf, um 20 bis 25 Kilometer zu laufen. Am Vormittag hatte ich dann Krafttraining. Und am Nachmittag erhielt ich technisches Training auf der Bahn. Das hat mir geholfen, derjenige zu werden, der ich heute bin.
Im Jahr 1992 hatte ich ein Problem: Ich gehörte zu den drei besten Läufern im 800-Meter-Lauf auf der Welt. Es fanden die Olympischen Spiele in Barcelona statt. Doch ich konnte nicht teilnehmen, weil mein Land noch kein Mitglied des Olympischen Komitees war.
1993 habe ich an der Hallen-Weltmeisterschaft in Toronto teilgenommen. Damals gehörte ich wirklich zu den Besten. Aber mein Leben hat sich komplett verändert. Alle sagten mir zu Beginn: „Du weißt doch, was in Burundi alles vor sich geht.“ Es gab dort eine Tragödie.
Der Präsident wurde ermordet, und danach kam es zu Vergeltungsmaßnahmen. Was mich sehr erschüttert hat und meine Sichtweise völlig auf den Kopf gestellt hat: Ich bereitete mich gerade auf das Finale vor. Ich war der einzige Afrikaner, der ins Finale kam. Aber dann erhielt ich einen Anruf von meinem Bruder, der mir mitteilte, dass meine Eltern ermordet wurden.
Der Sport hat mir sehr geholfen, über mich hinauszuwachsen. Denn ich trug die Flagge Burundis. Wenn du so ins Finale kommst, geht es für dich um den Sieg, um dich, um dein Land. Bevor ich ins Flugzeug gestiegen bin, um anzutreten, sah ich schon, was in Burundi passierte. Dennoch dachte ich, dass ich Laufen möchte, um Burundi positiv zu beeinflussen. Nach dem Wettrennen sind viele Journalisten auf mich zugelaufen und fragten mich: „Es ist das erste Mal, dass ein Burundier die Medaille an der Weltspitze gewinnt. Ist Ihre Medaille eher den Hutus oder den Tutsis gewidmet?“ Für mich war die Antwort klar: Ich sei für eine Nation gelaufen, nicht für eine ethnische Gruppe. Ich bin Friedensbotschafter.
Vielen Dank, dass Sie diese schwierige Geschichte mit uns teilen. Heute arbeiten Sie gemeinsam mit Ihrem Partner “Anstoß zur Hoffnung” und führen Projekte rund um Sport und Frieden durch. Wie schlagen Sie die Brücke zwischen Sport und Frieden?
Sport trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zur Versöhnung bei. Burundi hat mich als Sportvorbild auserkoren und mich geehrt, indem sie mich in die Schulbücher für die Grundschule aufgenommen haben. Ich sehe, dass die jungen Menschen in Burundi keine Perspektive haben. Deshalb muss ich etwas in meinem Land tun.
Mit den Aktivitäten habe ich im Jahr 2015 angefangen, als es Probleme mit der dritten Amtszeit gab. Das Projekt hieß „Sport – Einheit in der Vielfalt“. Also habe ich Sportveranstaltungen mit Jugendlichen und Polizisten organisiert, weil es damals ein Problem zwischen diesen Gruppen gab. Es war ein innovatives Format, um Versöhnung zu erreichen.
Denn Sport ist ein unverzichtbares Instrument für Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Für dieses Ziel habe ich die Charles Nkazamyampi Stiftung gegründet. Die Vision ist, die Jugend zu inspirieren, sich für Frieden und Fortschritt einzusetzen. Ihre Mission ist es, durch Sport Frieden zu fördern und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen, indem man junge Menschen dazu ermutigt, gemeinsam und selbstbestimmt zu arbeiten.
Mit Unterstützung der SEZ und Kickoff to Hope konnten wir landesweit Veranstaltungen organisieren, in denen wir eine Charta für den Einsatz für den Frieden eingeführt haben, die von christlichen und ethischen Werten geprägt ist. So geben wir jungen Menschen Werte mit auf den Weg. Wir bilden die jungen Menschen im Bereich Unternehmertum weiter und begleiten sie bei ihren Projekten. Ein letzter Punkt ist: Durch Werte wird die Mentalität von Jugendlichen verändert.
Zuerst nutzen wir die Kraft des Sports, um die Jugendlichen zueinander zu bringen. Danach verstehen sie, dass sie etwas tun müssen, um auch den Rest der Gemeinschaft zusammenzubringen und sie so zu verändern. Jetzt engagieren sie sich für wohltätige Zwecke, um Häuser für besonders bedürftige Menschen zu bauen.
So haben wir in zwei Provinzen begonnen. Ich möchte die Aktivitäten jedoch landesweit anbieten. Aktuell bereitet sich unser Land auf die Präsidentschaftswahlen vor. Deswegen müssen wir unsere jungen Menschen beschäftigen, damit sie ihren Gemeinden helfen und nicht gewalttätig werden.
Um das zu erreichen, brauchen wir eine gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung. Denn in gewisser Weise ist die Verwaltung meine Partnerin vor Ort. Deshalb erreiche ich viele junge Menschen. Sie lieben den Frieden, den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Ich lade alle ein, sich mir anzuschließen und diese Projekte zu unterstützen, um die Aktivitäten auf das ganze Land auszuweiten. Wenn wir uns gut um die Jugend kümmern, schützen wir das Land.
Das Thema Frieden ist nicht nur für Ostafrika wichtig. Auch in Europa gibt es Krieg. Wie kann man die Vorteile des Sports nutzen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken?
Man muss mit den Jugendlichen arbeitet, auf sie zugehen. Auf ihnen lastet die Zukunft doppelt. Oft sind sie untätig, entmutigt. Dabei sind sie die Zukunft. Also bringt ihnen ethische Werte bei.
Sport ist ein Instrument, das wir in den Vordergrund stellen und fördern sollten. Denn es geht nicht nur um den Frieden in Burundi oder in unserer Region, sondern weltweit. Die treibende Kraft sind die Jugendlichen. Wir müssen herausfinden, wie wir die Bemühungen der Jugendlichen kanalisieren können, um ihnen Werte zu vermitteln, die sie zu den Führungskräften von morgen machen. Das ist mein Engagement.
Es gibt viele andere Menschen, die in den Gemeinden und in Gemeinschaften arbeiten. Wir müssen Synergien schaffen, damit sich jeder einbringen kann. Gemeinsam können wir versuchen die Jugend zu inspirieren und die Gemeinschaft zu verändern. So werden die Jugendlichen zu Vorbildern in ihrer Gemeinde. So wird es weniger Konflikte geben, da Sport Menschen miteinander verbindet.
Es bringt mir Freude zu sehen, dass wir alle unterschiedlich sind. So muss es auch sein und das bringt die Gemeinschaft wieder zusammen.
Für die Zusammenarbeit im Sport gebe ich gerne als Beispiel Fußball. Eine Mannschaft besteht aus elf Spielern. Wenn sie gemeinsam in der Mannschaft spielen, haben sie eine gemeinsame Vision und Mission: Gewinnen.
Wir möchten, dass diese Zusammenarbeit aus dem Sport, auch in der Gemeinschaft gelebt wird. Gemeinsam sind wir stärker. Deshalb lade ich alle ein, mit der Stiftung zusammenzuarbeiten, damit wir jungen Menschen Hoffnung geben können.
Vielen Dank für das Interview und die inspirierenden Worte.