Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad auf der Messe Fair Handeln 2025 (Foto: SEZ/fotonoid).
Nadia Murad ist eine weltweit bekannte Menschenrechtsaktivistin und Überlebende des Völkermords an den Jesid*innen durch den sogenannten Islamischen Staat im Nordirak im Jahr 2014. Für ihren Einsatz gegen sexualisierte Gewalt erhielt sie 2018 gemeinsam mit Dr. Denis Mukwege den Friedensnobelpreis. Als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel setzt sie sich unermüdlich für Gerechtigkeit und den Schutz verfolgter Minderheiten ein.
Dafür ist Nadia Murad viel unterwegs – im Nordirak, den USA aber auch in der Region Stuttgart, wo sie mittlerweile lebt. Nadia Murad ist eine von rund 1.100 jesidischer Frauen, die seit 2015 über ein Sonderkontingent nach Baden-Württemberg gekommen sind. Mit ihrer Organisation Nadia’s Initiative unterstützt sie Überlebende von Gewalt, fördert den Wiederaufbau von Gemeinden im Nordirak und kämpft für die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen. Ihr Ziel ist es, Betroffenen eine Stimme und Perspektive zu geben und, dass sich derartige Gräueltaten nicht wiederholen. Nadia’s Initiative wurde bereits mehrmals über die SEZ mit Mitteln des Landes Baden-Württemberg gefördert.
Im Interview spricht Nadia Murad über ihr Engagement, die Herausforderungen ihrer Arbeit und die Bedeutung von Partnerschaften – wie die Zusammenarbeit mit der SEZ. Erfahren Sie mehr über ihre Wünsche für die Zukunft und wie jede*r Einzelne dazu beitragen kann, Veränderung zu bewirken.
Frau Murad, Sie sind weltweit bekannt für Ihren Einsatz für die Rechte von Frauen und Minderheiten. Wenn Sie heute auf Ihren Weg bis hierhin zurückblicken: Was waren entscheidende Momente für Ihr Engagement und wie hat sich Ihr Engagement im Laufe der Jahre verändert?
Wenn ich zurückblicke, dann gibt es mehrere Momente, die mein Engagement befördert haben. In meinem autobiographischen Buch Ich bin eure Stimme habe ich beschrieben, wie ich Zeugin von einem der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit der heutigen Zeit geworden bin – das Töten und die Entführung meiner Familie, Freund*innen und Mitglieder meiner Gemeinschaft sowie die Zerstörung meines Zuhauses und Dorfes. Ich wurde Zeugin davon, was meiner Mutter, meinen Schwestern, Nichten und Neffen passiert ist und das sind Erinnerungen, die ich niemals vergessen kann.
Wir lebten ein einfaches Leben und wurden von einer der brutalsten Terrororganisationen der Welt angegriffen. Ihr Ziel war es nicht nur uns als Individuen zu vernichten, sondern unser Volk, uns Frauen und die gesamte Gemeinschaft auszulöschen. Ich überlebte, während es so viele Frauen und Mädchen nicht geschafft haben und das bewegte mich dazu, meine Geschichte zu erzählen und für diejenigen zu sprechen, deren Stimmen der Islamische Staat zum Schweigen bringen wollte.
Später traf ich auf Reisen in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo, Kenia, der Ukraine und Kosovo Überlebende sexueller Gewalt und da wurde mir klar, dass was den Jesid*innen widerfahren ist, kein Einzelfall war. Sexuelle Gewalt wird weltweit als Kriegswaffe eingesetzt. Diese Erkenntnis verstärkte mein Engagement – nicht nur für meine Gemeinschaft, sondern für Überlebende überall.
Allzu oft wird sexuelle Gewalt in Konflikten als Nebeneffekt des Krieges behandelt und nicht als bewusste Taktik. Diese Auffassung müssen wir ändern. Mein Weg wurde durch persönliche Verluste geprägt aber auch die Stärke von anderen Überlebenden hatte einen starken Einfluss. Deshalb setze ich mich weiterhin dafür ein, dass Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden und Überlebende Unterstützung erhalten, um ihr Leben wieder aufbauen zu können.
Sie inspirieren viele Menschen, doch häufig wissen diese nicht, wie genau sie Ihren Einsatz für Menschenrechte unterstützen können. Was wäre ein konkreter, vielleicht sogar ungewöhnlicher Rat, den Sie den Leser*innen aber auch uns, als Förderin, mit auf den Weg geben würden, um etwas zu bewegen?
Als ich es schaffte, aus der Gefangenschaft zu entkommen, waren mein Zuhause und mein Dorf zerstört und unter der Kontrolle des IS. Ich war gezwungen, in einem Geflüchtetenlager in meinem eigenen Land zu leben. Ich habe selbst erlebt, wie solche Lager das Gefüge von Familien und Gemeinschaften zerstören, weil es ihnen an Privatsphäre, Arbeitsmöglichkeiten, angemessener Bildung und der Sicherheit eines familiären Umfelds mangelt.
Diese Erfahrung hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass Geflüchtetenlager keine sichere und langfristige Lösung für Menschen sind, die einen Völkermord erlebt haben. Aus diesem Grund haben wir uns bei der Gründung von Nadia’s Initiative darauf konzentriert, Sindschar wieder aufzubauen, anstatt in den Lagern tätig zu werden. Wir haben in Projekte investiert, die Infrastruktur wieder aufzubauen, neue Möglichkeiten vor Ort zu schaffen und den Menschen eine Chance zu geben, sicher in ihre Heimat zurückzukehren.
Gleichzeitig habe ich die Regierungen der Länder in Europa, Nordamerika und darüber hinaus aufgefordert, Jesid*innen und anderen Überlebenden, die noch nicht in ihre Heimat zurückkehren können, Recht auf Asyl zu gewähren. Zwar haben einige Länder wie Frankreich, Deutschland, Kanada und Australien Überlebende aufgenommen, doch kein Land war bereit, allen Jesid*innen Schutz zu gewähren. Deshalb bin ich überzeugt, dass die wirksamste Hilfe, die Regierungen, lokale Behörden – einschließlich das Land Baden-Württemberg – und internationale Unterstützer*innen anbieten können darin besteht, direkt in nachhaltige Lösungen in Post-Konfliktregionen wie Sindschar zu investieren.
Mit anderen Worten: Der beste Weg, um langfristige Veränderungen zu erreichen, besteht nicht in kurzfristiger Hilfe, sondern darin, Gemeinschaften dabei zu unterstützen, ihre Heimat wiederaufzubauen, ihre Würde zurückzugewinnen und die Grundlage für eine sichere und stabile Zukunft zu schaffen.
Wenn Sie sich die Welt in 25 Jahren, im Jahr 2050, vorstellen: Was wäre für Sie das deutlichste Zeichen, dass Ihre Arbeit, die Ihrer Organisation und der Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak – nachhaltig gewirkt hat?
Um ehrlich zu sein, ist es schwer vorstellbar, wie die Welt in 25 Jahren aussehen wird. Wir erleben rasante geopolitische Veränderungen, eine sich beschleunigende Klimakrise und tiefgreifende Erschütterungen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Systeme.
Das deutlichste Zeichen für die nachhaltige Wirkung unserer Arbeit und dieser Partnerschaft wäre jedoch, wenn die heute initiierten Projekte langfristig weitergeführt, von der Gemeinschaft selbst getragen sind und sich darauf konzentrieren, die am meisten marginalisierten Menschen zu stärken – insbesondere Frauen und Mädchen.
Ein Beispiel dafür ist das erste Frauenzentrum, das wir in Sindschar gegründet haben. Es ist bereits zu einem Leuchtturmprojekt der Hoffnung geworden und hat das Potenzial, die Rechte von Frauen und Mädchen zu stärken und ihnen gleichzeitig die Bildung und Kenntnisse zu vermitteln, die sie für ihren Erfolg benötigen. Wenn solche Zentren im Jahr 2050 noch immer bestehen und wachsen, diese von lokalen Frauen geleitet werden, Generationen von Überlebenden unterstützen und zu einer stärkeren, widerstandsfähigeren Gemeinschaft beitragen, dann wäre das ein deutliches Zeichen dafür, dass unsere Arbeit nachhaltig etwas bewirkt hat.
Liebe Frau Murad, vielen herzlichen Dank für diesen Einblick und Ihre Zeit.
Projekte von Nadia’s Initiative beim Traditionellen Benefizkonzert der SEZ am 16. Oktober 2025 im Neuen Schloss in Stuttgart unterstützen
In diesem Jahr stehen Projekte der Partnerschaft mit dem Nordirak im Mittelpunkt. So beispielsweise das Projekt „Hoffnung durch Sport neu aufbauen – Jugendliche in Sindschar stärken“, durchgeführt von der Organisation Nadia’s Initiative, gegründet von Friedensnobelpreisträgerin und Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad.