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Durch Sport zum Frieden – mit Charles Nkazamyampi

Die burundische Sportlegende Charles Nkazamyampi war Gast auf der Fair Handeln. Im Interview mit Raïssa Mpundu, SEZ, betont er die Bedeutung von Sport ©SEZ/Fotonoid

Welche Rolle spielt Sport dabei, um Menschen näher zueinander zu bringen und soziale Spannungen abzubauen? Unter anderem diese Frage stellten wir uns beim BW-Burundi Netzwerktreffen auf der Messe Fair Handeln. Ein besonderer Gast war auch dabei: die burundische Sportlegende Charles Nkazamyampi.

1993 erlebte er einen persönlichen Schicksalsschlag. Zeitgleich zum Antritt bei der Hallenweltmeisterschaft über 800m in Toronto findet in Burundi der Bürgerkrieg statt. Charles Nkazamyampi erfährt einen Tag vor dem Finale, dass seine Familie im Bürgerkrieg in Burundi ums Leben gekommen war. Trotz dieses unfassbaren Verlustes gewann er am nächsten Tag die Silbermedaille – ein Moment, der weit über den Sport hinaus Bedeutung trägt und bis heute in Burundi erinnert wird.

„Ich bin für alle Burundierinnen und Burundier und für den Frieden in meinem Land gelaufen.” 

Mit seiner Fondation Charles Nkazamyampi engagiert er sich heute für Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Sport in Burundi.
Gerade in einer Zeit, in der die Friedensfrage in der Region der Großen Seen erneut an Brisanz gewinnt und die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2027 anstehen, stellt sich die zentrale Frage: Welche Kraft kann Sport entfalten, um Vertrauen zu stärken, Brücken zu bauen und nachhaltigen sozialen Zusammenhalt zu fördern?

Das Netzwerktreffen auf der Messe Fair Handeln bot Raum diese Frage zu diskutieren. Im Interview teilt Charles Nkazamyampi zudem, welche Bedeutung Sport für ihn hat und wie er ihn als Mittel zur Versöhnung einsetzt. Schon bei der Eröffnung der Messe hinterließ er mit seiner bewegenden Rede einen tiefen Eindruck:

„Was mich zu einem Gamechanger gemacht hat, war die Erkenntnis, dass sich der wahre Sieg an der Wirkung misst, die man erzielt – nicht an Medaillen.”

Egal wo Charles Nkazamyampi Menschen auf der Messe Fair Handeln begegnete, hinterließ er einen bleibenden Eindruck und Begeisterung. Bei einem Wettlauf hatten die Besucher*innen sogar die Möglichkeit, gegen ihn anzutreten. Im Gespräch erfahren Sie mehr über die Legende.

“Ich bin Friedensbotschafter” – ein Gespräch mit Charles Nkazamyampi

Wie alt waren Sie, als Sie mit dem Laufen angefangen haben? Was hat Sie dazu motiviert?

Schon als Kind bin ich viel gelaufen: Ich habe die Kühe gehütet und bin vier Kilometer zur Schule gelaufen. Nachdem ich von der Schule zurückgekommen bin, schickte man mich zu Erledigungen und ich rannte los. Das war mein Leben und das erfüllte mich.

Welche Bedeutung hat der Sport für Sie auch heute noch?

Der Sport hat mir in meinem Leben sehr geholfen. Zuerst hat er mir ermöglicht, einen Platz unter jungen Menschen in Burundi zu finden. Dann hat er mir ermöglicht, schon mit 15 Jahren in andere Länder zu reisen.

Mein erster internationaler Wettkampf war 1987 in Kongo-Brazzaville. An diesem Tag gewann ich zwei Silbermedaillen, eine im 800-Meter-Lauf und eine im 1500-Meter-Lauf. Zurück in Burundi wurde ich sehr herzlich empfangen. Das hat mich noch mehr motiviert. Im selben Jahr fanden die ersten Wettkämpfe der Frankophonie in Casablanca, Marokko, statt. In diesem Moment, begann ich, die Bedeutung des Sports zu begreifen. Dort traf ich Scouts aus Frankreich, die auf mich zukamen: „Wir kümmern uns um französischsprachige Jugendliche. Wir geben dir ein Stipendium, damit du nach Frankreich kommen kannst.“ Für mich ging ein Traum in Erfüllung.

Wie sieht der Alltag eines Spitzensportlers aus?

Zunächst einmal sind wichtige Eigenschaften die Leidenschaft, Entschlossenheit und Disziplin.
Man muss seinen Sport lieben, aber auch diszipliniert sein, um erfolgreich zu trainieren. Ohne Disziplin kommt man beim Sport nicht weit.
Als ich nach Frankreich ging, musste ich mein Training verändern. Ich fand einen Trainer mit viel Erfahrung. Außerdem wurde mir ein Arzt zur Seite gestellt, der mein Training und meine Gesundheit überwachte. Zuletzt hatte ich auch noch einen Manager, der sich um die internationalen Angelegenheiten kümmerte.

Ich habe dreimal am Tag trainiert: Ich stand um 5 Uhr auf, um 20 bis 25 Kilometer zu laufen. Am Vormittag hatte ich dann Krafttraining. Und am Nachmittag erhielt ich technisches Training auf der Bahn. Das hat mir geholfen, derjenige zu werden, der ich heute bin.

Im Jahr 1992 hatte ich ein Problem: Ich gehörte zu den drei besten Läufern im 800-Meter-Lauf auf der Welt. Es fanden die Olympischen Spiele in Barcelona statt. Doch ich konnte nicht teilnehmen, weil mein Land noch kein Mitglied des Olympischen Komitees war.

1993 habe ich an der Hallen-Weltmeisterschaft in Toronto teilgenommen. Damals gehörte ich wirklich zu den Besten. Aber mein Leben hat sich komplett verändert. Alle sagten mir zu Beginn: „Du weißt doch, was in Burundi alles vor sich geht.“ Es gab dort eine Tragödie.

Der Präsident wurde ermordet, und danach kam es zu Vergeltungsmaßnahmen. Was mich sehr erschüttert hat und meine Sichtweise völlig auf den Kopf gestellt hat: Ich bereitete mich gerade auf das Finale vor. Ich war der einzige Afrikaner, der ins Finale kam. Aber dann erhielt ich einen Anruf von meinem Bruder, der mir mitteilte, dass meine Eltern ermordet wurden.

Der Sport hat mir sehr geholfen, über mich hinauszuwachsen. Denn ich trug die Flagge Burundis. Wenn du so ins Finale kommst, geht es für dich um den Sieg, um dich, um dein Land. Bevor ich ins Flugzeug gestiegen bin, um anzutreten, sah ich schon, was in Burundi passierte. Dennoch dachte ich, dass ich Laufen möchte, um Burundi positiv zu beeinflussen. Nach dem Wettrennen sind viele Journalisten auf mich zugelaufen und fragten mich: „Es ist das erste Mal, dass ein Burundier die Medaille an der Weltspitze gewinnt. Ist Ihre Medaille eher den Hutus oder den Tutsis gewidmet?“ Für mich war die Antwort klar: Ich sei für eine Nation gelaufen, nicht für eine ethnische Gruppe. Ich bin Friedensbotschafter.

Vielen Dank, dass Sie diese schwierige Geschichte mit uns teilen. Heute arbeiten Sie gemeinsam mit Ihrem Partner “Anstoß zur Hoffnung” und führen Projekte rund um Sport und Frieden durch. Wie schlagen Sie die Brücke zwischen Sport und Frieden?

Sport trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zur Versöhnung bei. Burundi hat mich als Sportvorbild auserkoren und mich geehrt, indem sie mich in die Schulbücher für die Grundschule aufgenommen haben. Ich sehe, dass die jungen Menschen in Burundi keine Perspektive haben. Deshalb muss ich etwas in meinem Land tun.

Mit den Aktivitäten habe ich im Jahr 2015 angefangen, als es Probleme mit der dritten Amtszeit gab. Das Projekt hieß „Sport – Einheit in der Vielfalt“. Also habe ich Sportveranstaltungen mit Jugendlichen und Polizisten organisiert, weil es damals ein Problem zwischen diesen Gruppen gab. Es war ein innovatives Format, um Versöhnung zu erreichen.

Denn Sport ist ein unverzichtbares Instrument für Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Für dieses Ziel habe ich die Charles Nkazamyampi Stiftung gegründet. Die Vision ist, die Jugend zu inspirieren, sich für Frieden und Fortschritt einzusetzen. Ihre Mission ist es, durch Sport Frieden zu fördern und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen, indem man junge Menschen dazu ermutigt, gemeinsam und selbstbestimmt zu arbeiten.

Mit Unterstützung der SEZ und Kickoff to Hope konnten wir landesweit Veranstaltungen organisieren, in denen wir eine Charta für den Einsatz für den Frieden eingeführt haben, die von christlichen und ethischen Werten geprägt ist. So geben wir jungen Menschen Werte mit auf den Weg. Wir bilden die jungen Menschen im Bereich Unternehmertum weiter und begleiten sie bei ihren Projekten. Ein letzter Punkt ist: Durch Werte wird die Mentalität von Jugendlichen verändert.

Zuerst nutzen wir die Kraft des Sports, um die Jugendlichen zueinander zu bringen. Danach verstehen sie, dass sie etwas tun müssen, um auch den Rest der Gemeinschaft zusammenzubringen und sie so zu verändern. Jetzt engagieren sie sich für wohltätige Zwecke, um Häuser für besonders bedürftige Menschen zu bauen. 

So haben wir in zwei Provinzen begonnen. Ich möchte die Aktivitäten jedoch landesweit anbieten. Aktuell bereitet sich unser Land auf die Präsidentschaftswahlen vor. Deswegen müssen wir unsere jungen Menschen beschäftigen, damit sie ihren Gemeinden helfen und nicht gewalttätig werden.

Um das zu erreichen, brauchen wir eine gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung. Denn in gewisser Weise ist die Verwaltung meine Partnerin vor Ort. Deshalb erreiche ich viele junge Menschen. Sie lieben den Frieden, den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Ich lade alle ein, sich mir anzuschließen und diese Projekte zu unterstützen, um die Aktivitäten auf das ganze Land auszuweiten. Wenn wir uns gut um die Jugend kümmern, schützen wir das Land.

Das Thema Frieden ist nicht nur für Ostafrika wichtig. Auch in Europa gibt es Krieg. Wie kann man die Vorteile des Sports nutzen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken?

Man muss mit den Jugendlichen arbeitet, auf sie zugehen. Auf ihnen lastet die Zukunft doppelt. Oft sind sie untätig, entmutigt. Dabei sind sie die Zukunft. Also bringt ihnen ethische Werte bei.

Sport ist ein Instrument, das wir in den Vordergrund stellen und fördern sollten. Denn es geht nicht nur um den Frieden in Burundi oder in unserer Region, sondern weltweit. Die treibende Kraft sind die Jugendlichen. Wir müssen herausfinden, wie wir die Bemühungen der Jugendlichen kanalisieren können, um ihnen Werte zu vermitteln, die sie zu den Führungskräften von morgen machen. Das ist mein Engagement.

Es gibt viele andere Menschen, die in den Gemeinden und in Gemeinschaften arbeiten. Wir müssen Synergien schaffen, damit sich jeder einbringen kann. Gemeinsam können wir versuchen die Jugend zu inspirieren und die Gemeinschaft zu verändern. So werden die Jugendlichen zu Vorbildern in ihrer Gemeinde. So wird es weniger Konflikte geben, da Sport Menschen miteinander verbindet.

Es bringt mir Freude zu sehen, dass wir alle unterschiedlich sind. So muss es auch sein und das bringt die Gemeinschaft wieder zusammen.

Für die Zusammenarbeit im Sport gebe ich gerne als Beispiel Fußball. Eine Mannschaft besteht aus elf Spielern. Wenn sie gemeinsam in der Mannschaft spielen, haben sie eine gemeinsame Vision und Mission: Gewinnen.

Wir möchten, dass diese Zusammenarbeit aus dem Sport, auch in der Gemeinschaft gelebt wird. Gemeinsam sind wir stärker. Deshalb lade ich alle ein, mit der Stiftung zusammenzuarbeiten, damit wir jungen Menschen Hoffnung geben können.

Vielen Dank für das Interview und die inspirierenden Worte.

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FAIR HANDELN INTERVIEW PARTNERSCHAFT NORDIRAK SEZ

Kalligrafie, die verbindet – mit Ziad Sheno

Ziad Sheno mit seiner Kalligrafie auf der Messe Fair Handeln ©SEZ/ Hasan Malla

Der Kalligraf Ziad Sheno war zu Gast auf der Messe Fair Handeln 2026. Mit feinen Linien und großer Präzision verbindet er kurdische, arabische und lateinische Schriftkunst – und schafft damit einen stillen Dialog zwischen Baden-Württemberg und dem Nordirak.

Die Partnerschaft zwischen den beiden Regionen war in diesem Jahr am Stand der SEZ auf der Messe Fair Handeln mit der Kalligrafie von Ziad Sheno und den Chonky Animals der Free Yezidi Foundation erlebbar. Ergänzt wurde das Angebot durch Kunst, Kultur, geteilte Erinnerungen und Projekteinblicke auf der Bühne der Messe mit Farida Khalaf, Paruar Bako und dem Duo Flumina. Wir danken allen Beteiligten, dem Netzwerk der Partnerschaft und allen Interessierten, die auf der Fair Handeln 2026 mit Neugier die Verbindung zwischen Baden-Württemberg und dem Nordirak kennengelernt haben.

Im Gespräch mit Ziad Sheno und den Fotos bietet sich Ihnen nun ein Einblick in seine Kunst, was Kalligrafie für den Künstler bedeutet – und warum sie für ihn weit mehr ist, als nur Schrift. Mehr eine Form der Meditation, ein Ausdruck innerer Gedanken und Gefühle. „Es ist eine Verbindung zwischen Hand, Herz und Geist“, beschreibt er seine Arbeit. In den feinen Linien seiner Werke wird den Betrachter*innen Ruhe sichtbar und zugleich eine tiefe emotionale Ebene spürbar.

Besonders eindrucksvoll ist seine Fähigkeit, verschiedene Schriftsysteme miteinander zu verbinden. Kurdische, arabische und lateinische Schrift treten in seinen Kunstwerken in einen Dialog – ganz ohne Worte. „Auch wenn man die Schrift nicht lesen kann, spürt man ihre Energie“, sagt er. Genau darin liegt für ihn die Kraft der Kalligrafie: Sie überwindet sprachliche Grenzen und schafft eine universelle Form der Verständigung.

Seine Wurzeln in Dohuk im Nordirak spielen dabei eine zentrale Rolle. Erinnerungen, kulturelle Prägungen und die eigene Sprache fließen unmittelbar in seine Werke ein und verleihen ihnen Tiefe und persönliche Bedeutung. Die Faszination für Kalligrafie entdeckte Ziad Sheno schon früh. In dem Moment, als er erkannte, wie aus einfachen Linien etwas Ausdrucksstarkes entstehen kann: “Seitdem hat mich die Kalligrafie nicht mehr losgelassen”. Besonders gerne schreibt Ziad Sheno Worte wie „Menschlichkeit“ und „Freiheit“ („Azadi“). Begriffe, die nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell eine starke Wirkung entfalten.

Doch was bleibt, wenn Menschen – wie die Messebesucher*innen der Fair Handeln – seine Kunst erleben? Für Ziad Sheno ist die Antwort klar: ein Moment der Ruhe, ein Gefühl von Verbindung – vielleicht, so hofft er, auch Inspiration für etwas Neues. Wer seine Arbeiten weiter entdecken möchte, kann ihm bei Workshops, Ausstellungen und Veranstaltungen begegnen oder online – etwa auf Facebook unter seinem Namen – mit ihm in Kontakt treten.

Lieber Ziad Sheno, vielen Dank für die Einblicke in deine Arbeit und für diese besondere Form der Verbindung des Nordiraks und Baden-Württembergs auf der Messe Fair Handeln durch Kunst.

Was bedeutet Kalligrafie für Sie?

Für mich ist Kalligrafie mehr als nur Schrift – sie ist eine Form von Meditation und Ausdruck. Durch die Linien kann ich Gefühle, Gedanken und Ruhe sichtbar machen. Es ist eine Verbindung zwischen Hand, Herz und Geist.

Sie arbeiten mit kurdischer, arabischer und lateinischer Schrift. Wie kann Kalligrafie Ihrer Meinung nach Brücken zwischen Menschen, Kulturen und Ländern bauen?

Kalligrafie ist eine universelle Sprache. Auch wenn Menschen die Schrift nicht lesen können, spüren sie die Ästhetik und die Energie. Wenn ich kurdische, arabische und lateinische Schrift verbinde, entsteht ein Dialog zwischen Kulturen – ohne Worte.

Ihre Wurzeln liegen in Dohuk. Welche Rolle spielt Ihre Heimat in Ihrer Kalligrafie?

Meine Heimat Dohuk ist ein wichtiger Teil meiner Identität. Die Erinnerungen, die Kultur und die Sprache begleiten mich in meiner Arbeit. Sie geben meinen Werken Tiefe und eine persönliche Geschichte.

Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie Kalligrafie für sich entdeckt haben?

Ja, das war ein besonderer Moment. Ich war fasziniert davon, wie aus einfachen Linien etwas so Ausdrucksstarkes entstehen kann. Seitdem hat mich die Kalligrafie nicht mehr losgelassen.

Gibt es ein Wort oder einen Satz, den Sie besonders gerne schreiben?

Ja, ich schreibe sehr gerne die Wörter wie „Menschlichkeit“ und „Freiheit“, (Azadi). Diese Worte haben eine starke Bedeutung und ich versuche, diese auch visuell spürbar zu machen.

Viele Besucher*innen haben Sie hier live erlebt. Was wünschen Sie sich, dass Menschen mitnehmen, wenn sie Ihre Arbeit sehen oder ein Stück Kalligrafie von Ihnen erhalten?

Ich wünsche mir, dass die Menschen einen Moment der Ruhe erleben und sich verbunden fühlen. Vielleicht entdecken sie etwas Neues oder fühlen sich inspiriert – das ist für mich das Wichtigste.

Und wenn jemand Ihre Kunst weiter entdecken möchte, wo kann man Sie oder Ihre Arbeiten finden?

Man kann mich bei Workshops, Ausstellungen und Veranstaltungen treffen. Außerdem teile ich meine Arbeiten auch online auf Facebook zum Beispiel unter Ziad Sheno. Ich freue mich immer über den Austausch mit interessierten Menschen.

Vielen Dank für das Gespräch und für diese besondere Form der Verbindung durch Kunst.

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FAIR HANDELN INTERVIEW PARTNERSCHAFT NORDIRAK PROJEKT­FÖRDERUNG

Im Gespräch mit der Free Yezidi Foundation

Teilnehmende vor dem Enterprise and Training Center der Free Yezidi Foundation in Khanke ©Free Yezidi Foundation

Die Free Yezidi Foundation (FYF) ist eine unabhängige, gemeinnützige Organisation. Sie wurde 2014 nach dem Völkermord an den Jesid*innen mit dem Ziel gegründet, die jesidische Gemeinschaft wieder aufzubauen.

Die FYF ist eine enge Partnerin der SEZ im Rahmen der Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak und hat Fördermittel des Landes Baden-Württemberg erhalten, um mehrere Projekte in Khanke, in der Region Duhok, umzusetzen. Eine zentrale Initiative ist das Enterprise and Training Center (ETC), in dem Frauen psychosoziale Unterstützung und Möglichkeiten zur Sicherung ihres Lebensunterhalts erhalten. Zum Beispiel mit der Herstellung der handgefertigten Chonky Animals. Die FYF war im April als besonderer Gast bei der Fair Handeln 2026 in Stuttgart eingeladen.

Dieses Interview bietet vier verschiedene Einblicke in die Organisation:

  • Pari Ibrahim teilt mit uns ihre Motivation als Gründerin,
  • Hewan Omer, die aufgrund von Hürden mit dem Visum leider nicht persönlich an der Fair Handeln teilnehmen konnte, teilt hier ihre Sicht auf die Situation in Dohuk und die Arbeit von FYF zur Unterstützung von jesidischen Überlebenden des Völkermords,
  • Sevi schildert als Teilnehmerin des ETC ihre Erfahrungen aus erster Hand,
  • abschließend reflektiert Cecilia Pedersen über ihre Teilnahme an der Messe Fair Handeln.

Herzlichen Dank an die vier Frauen der Free Yezidi Foundation, dass sie ihre Geschichten mit uns geteilt haben und natürlich für ihre unermüdliche Arbeit und Resilienz!

Diese Interviews wurden aus dem Englischen übersetzt.

Pari Ibrahim, Gründerin und Geschäftsführerin

Pari Ibrahim ist Gründerin und Geschäftsführerin der FYF.

Sie haben die Free Yezidi Foundation nach dem Völkermord an den Jesid*innen gegründet. Können Sie uns einen Einblick in diese Zeit geben? Was hat Ihnen klar gemacht, dass dies zu Ihrem Lebenswerk werden würde?

Die Tage nach dem Völkermord an den Jesid*innen brachten unvorstellbares Leid und eine dringende Notwendigkeit mit sich. Wie viele Jesid*innen sah ich mit an, wie meine Gemeinschaft auf eine Weise litt, die sich nur schwer in Worte fassen lässt: Massenhinrichtungen, Versklavung und die systematische Verfolgung von Frauen und Mädchen.

Zunächst wollte ich Überlebende und ihre Familien mit humanitärer Hilfe unterstützen. Doch als ich aus Europa in meine Gemeinschaft im Irak zurückkehrte, wurde mir klar, dass es mindestens zehn Jahre unermüdlicher Arbeit erfordern würde, um wirklich etwas zu bewirken. Es war offensichtlich, dass so viele Überlebende langfristige Unterstützung benötigen würden, um ihr Leben wieder aufzubauen. Dies würde keine kurzfristige humanitäre Hilfe sein; es erforderte nachhaltiges Engagement, Vertrauen und einen gemeinschaftsorientierten Ansatz.

Irgendwann wurde es zu einer Frage des Umfangs und darum, die notwendigen Ressourcen zu finden und aufrechtzuerhalten, um eine stabile Institution zu unterstützen, die von und für unsere Gemeinschaft ist und sich auf von Frauen geleitete Initiativen konzentriert. Da wurde mir klar, dass diese Arbeit nicht nur ein Kapitel in meinem Berufsleben sein würde, sondern mein Lebenswerk.

Für alle, die vielleicht zum ersten Mal von der FYF hören: Wie sieht Ihre Arbeit vor Ort heute konkret aus und welche Veränderungen beobachten Sie im Leben der Frauen, die Sie unterstützen?

Bei der Free Yezidi Foundation steht die Unterstützung der Überlebenden als Menschen im Mittelpunkt unserer Arbeit – und nicht als Objekte, die herumgereicht und der internationalen Gemeinschaft vorgeführt werden. Das bedeutet, dass wir so weit wie möglich psychologische Betreuung, Bildung, wirtschaftliche Stärkung und den Wiederaufbau von Gemeinschaften anbieten.
Vor Ort sieht das so aus, dass Frauen an Trauma-Beratung teilnehmen, neue Fähigkeiten erlernen, Alphabetisierungskurse besuchen und in sicheren, unterstützenden Umgebungen arbeiten. Es bedeutet auch, Räume zu schaffen, in denen sie wieder zueinanderfinden und beginnen können, Vertrauen und ein Gefühl der Normalität wiederaufzubauen. Manchmal erhalten einige dieser Bemühungen mehr Mittel als andere, aber wir tun unser Bestes, um in all diesen Schwerpunktbereichen ein gewisses Angebot aufrechtzuerhalten.

Die Veränderungen, die wir beobachten, sind tiefgreifend: Frauen, die sich einst isoliert und ohne Perspektiven fühlten, gewinnen Schritt für Schritt ihr Selbstvertrauen und ihre Unabhängigkeit zurück. Viele versorgen fortan ihre Familien, treffen ihre eigenen Entscheidungen und übernehmen sogar Führungsrollen in ihren Gemeinschaften. Der Genesungsprozess ist nicht immer vorhersehbar und erfordert Zeit, Geduld und Fürsorge. Doch was wir jeden Tag erleben, ist Resilienz: Jesidische Frauen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und gestalten ihre eigene Zukunft.

Ein Teil dieser Arbeit ist das Enterprise and Training Centre (ETC), in dem Frauen die sogenannten Chonky Animals herstellen. Darunter auch unser SEZ-Maskottchen hier in Stuttgart, das Partnersheep. Sie sind verspielt und kuschelig, haben aber einen sehr ernsten Hintergrund. Was bedeutet dieses Projekt für Sie über die Produkte hinaus?

Im Unternehmens- und Ausbildungszentrum geht es um weit mehr als nur um die Herstellung von Produkten. Dahinter steht die Idee, dass Jesid*innen – genau wie alle anderen auch – großartige Produkte herstellen können, die auf dem Markt gefragt sind. Und das stimmt: Ich sehe persönlich Menschen auf der ganzen Welt, die diese handgefertigten Stücke lieben, die von den Händen unserer jesidischen Frauen geschaffen wurden. Hier geht es darum, Würde, Sinnhaftigkeit und Kreativität wiederherzustellen. Die Chonky Animals, auch das Partnerschaf der SEZ, sind Symbole dieser Wandlung. Jedes handgefertigte Produkt steht für die Stärke und den Weg der Kunsthandwerkerinnen: vom Trauma hin zur Heilung, von der Abhängigkeit hin zur Unabhängigkeit. Wenn Frauen diese Tiere herstellen, lernen sie nicht nur praktische Fertigkeiten, sondern entdecken auch ihre Fähigkeit wieder, etwas Fröhliches und Sinnvolles zu schaffen – etwas, das Menschen auf der ganzen Welt schätzen.

Es hat etwas Kraftvolles, eine Geschichte, die in Not verwurzelt ist, durch etwas Weiches, Tröstliches und sogar Verspieltes zum Ausdruck zu bringen. Es stellt die Vorstellung in Frage, dass Überlebende allein durch das definiert werden, was sie durchgemacht haben.

Für mich spiegelt dieses Projekt Hoffnung wider. Es zeigt, dass es selbst nach den dunkelsten Erfahrungen Raum für Kreativität, Verbundenheit und Leichtigkeit gibt. Und wenn Menschen auf der ganzen Welt mit diesen Produkten in Berührung kommen, kaufen sie nicht nur einen Gegenstand, sondern nehmen an einer Geschichte von Widerstandsfähigkeit und Solidarität teil und unterstützen sie. Das ist die Geschichte des jesidischen Volkes.

Hewan Omer ist Länderdirektorin der FYF in Khanke, Dohuk.

Sie arbeiten vor Ort in Dohuk, in der Nähe der Orte, an denen viele jesidische Familien noch immer dabei sind, ihr Leben neu aufzubauen. Was bedeutet Alltag für die Frauen, mit denen Sie zusammenarbeiten, und wie weit ist das von dem entfernt, was sie durchgemacht haben?

Ein „normaler Tag“ für die jesidischen Frauen und Familien, mit denen wir zusammenarbeiten, ist ein komplexes Gleichgewicht aus Widerstandskraft, alltäglichen Verpflichtungen und großer Entschlossenheit. Seit elf Jahren kümmern sie sich in der schwierigen Umgebung eines Geflüchtetenlagers um ihre Kinder und bewältigen den Haushalt, während sie gleichzeitig die Last ihrer vergangenen Erfahrungen tragen. Für viele ist jeder Tag geprägt vom anhaltenden Schmerz über den Verlust und das Trauma des Völkermords, von den quälenden Erinnerungen an vermisste Angehörige und von der Ungewissheit über ihre Zukunft. Trotz dieser tiefgreifenden Herausforderungen zeigen diese Frauen bemerkenswerte Stärke und Mut und finden Momente der Hoffnung und Ausdauer in ihren Bemühungen, ihr Leben wieder aufzubauen und ihren Familien Stabilität zu bieten. Ihr Alltag ist ein Zeugnis sowohl für die anhaltenden Auswirkungen vergangener Gräueltaten als auch für die Widerstandsfähigkeit, die sie auf ihrem Weg in die Zukunft verkörpern.

Durch die Projekte von FYF erhalten Frauen psychosoziale Unterstützung und Möglichkeiten zur Sicherung ihres Lebensunterhalts. Welche Veränderungen beobachten Sie bei den Frauen, die an diesen Programmen teilnehmen?

Durch die FYF-Programme habe ich tiefgreifende Veränderungen bei Frauen miterlebt, die nach und nach ihr Selbstvertrauen, ihre Handlungsfähigkeit und ihren Lebenssinn zurückgewinnen. Psychosoziale Unterstützung hat es ihnen ermöglicht, Traumata zu verarbeiten, während Möglichkeiten zur Existenzsicherung wie Berufsausbildung, Kleinunternehmensinitiativen oder handwerkliche Projekte es ihnen ermöglichen, aktiv zum Wohl ihrer Familien und Gemeinschaften beizutragen. Frauen, die früher zögerten, in Gruppen zu sprechen, bringen nun ihre Ideen offen zum Ausdruck, treffen Entscheidungen mit Selbstvertrauen und blicken mit neuem Optimismus in die Zukunft. Die Auswirkungen gehen weit über finanzielle Stabilität hinaus. Ein Einkommen zu erzielen – sei es durch Backen, Handwerk oder andere Initiativen – stärkt das Selbstvertrauen, vermittelt ein Gefühl der Selbstbestimmung und schafft Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Viele dieser Frauen sind zu Vorbildern in ihren Gemeinschaften geworden und inspirieren andere, indem sie zeigen, dass Hoffnung, Selbstbestimmung und persönliche Stärke auch nach unvorstellbaren Schwierigkeiten erreichbar sind. Die Veränderung ist subtil und doch tiefgreifend – eine Rückeroberung von Leben, Würde und Resilienz, die sich auf ihre Familien und Gemeinschaften ausweitet.

Trotz Einladung konnten Sie aufgrund von Visumsbeschränkungen leider nicht persönlich an der Fair Handeln 2026 teilnehmen. Was sagt das über die globalen Ungleichheiten aus, die Ihre Arbeit nach wie vor beeinträchtigen?

Die Tatsache, dass ich aufgrund von Visabeschränkungen nicht an der Fair Handeln teilnehmen konnte, verdeutlicht die anhaltenden globalen Ungleichheiten, die unsere Arbeit nach wie vor prägen. Diese Hindernisse sind nicht abstrakt, sondern schränken unsere Fähigkeit, Wissen auszutauschen, uns in internationalen Netzwerken zu engagieren und den Stimmen marginalisierter Gemeinschaften – wie der Jesid*innen – Gehör zu verschaffen, unmittelbar ein. Systemische Hindernisse treffen Menschen aus Konfliktgebieten unverhältnismäßig stark und unterstreichen die ungleiche Verteilung von Chancen und Zugangsmöglichkeiten. Diese Erfahrung zeigt die dringende Notwendigkeit inklusiver internationaler Plattformen, die sicherstellen, dass alle Stimmen, insbesondere die aus schutzbedürftigen Gemeinschaften, anerkannt, gehört und wertgeschätzt werden. Sie unterstreicht zudem, wie entscheidend es ist, Privilegien und Zugangsungleichheiten anzugehen, um eine wirklich gerechte Zusammenarbeit auf globaler Ebene zu fördern.

Und nun zu etwas Leichterem: Haben Sie ein Lieblings-Chonky Animal?

Mein Lieblings-Chonky Animal ist definitiv der Affe, genauer gesagt das Weibchen mit der kleinen Schleife und den süßen Wimpern.

Sevi ist jesidische Kunsthandwerkerin, Überlebende des Genozids und Teilnehmerin des ETC. Sie lebt seit dem Völkermord an den Jesid*innen im Jahr 2014 mit ihrer Familie im IDP Camp Khanke.

Wie sah Ihr Alltag aus, bevor Sie dem Projekt beigetreten sind, und was hat sich verändert, seit Sie Teil des ETC sind?

Bevor ich dem Projekt beitrat, fühlte sich mein Alltag sehr eingeschränkt an. Ich verbrachte meine Tage meist zu Hause, konzentrierte mich auf die Hausarbeit und hatte keine Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu erlernen oder ein Einkommen zu erzielen. Ich fühlte mich isoliert und war unsicher, was die Zukunft anging. Ich hatte kaum Gelegenheit, neue Leute kennenzulernen, mich weiterzuentwickeln oder finanziell zur Familie beizutragen.

Seit ich Teil des ETC bin, hat sich vieles verändert. Jetzt hat mein Alltag einen Sinn und eine Struktur. Ich wache morgens mit dem Wissen auf, dass ich an einen Ort gehe, der mir etwas bedeutet – einen Ort, an dem ich lernen, etwas schaffen und wachsen kann. Ich habe praktische Fähigkeiten erworben, mein Selbstvertrauen gestärkt und begonnen, mit meiner Arbeit ein Einkommen zu erzielen. Über die finanzielle Unterstützung hinaus habe ich noch etwas viel Wichtigeres gewonnen: ein Gefühl der Zugehörigkeit. Das Zentrum ist nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern eine unterstützende Gemeinschaft. Ich fühle mich unabhängiger, blicke hoffnungsvoller in die Zukunft und bin stolz darauf, dass ich einen Beitrag für meine Familie leisten und meine Arbeit mit Menschen außerhalb meiner Gemeinschaft teilen kann.

Die von Ihnen hergestellten Chonky Animals reisen um die ganze Welt, weit weg von dem Ort, an dem sie entstanden sind. Was bedeutet es für Sie zu wissen, dass etwas, das Sie mit deinen eigenen Händen geschaffen haben, Ihre Geschichte über Ihre Gemeinde hinaus trägt?

Das bedeutet, dass ein Teil von mir mitreist. Wenn die Chonky Animals unsere Werkstatt verlassen und in ein anderes Land gehen, sind sie nicht nur Stofftiere – sie tragen unsere Zeit, unsere Mühen, unsere Kämpfe und unsere Hoffnungen in sich. Jeder Handgriff birgt eine Geschichte: von Frauen, die neue Fertigkeiten erlernen, vom Wiederaufbau ihres Lebens nach der Vertreibung, von der Zusammenarbeit mit Geduld und Sorgfalt.

Zu wissen, dass etwas, das ich mit meinen eigenen Händen geschaffen habe, Menschen weit über meine Gemeinschaft hinaus erreicht, macht mich stolz und verbindet mich mit der Welt. Es zeigt, dass unsere Arbeit zählt. Es sagt uns, dass unsere Stimmen reisen können, auch wenn wir es nicht können.

Es gibt mir auch Hoffnung. Es bedeutet, dass unsere kleine Werkstatt gar nicht so klein ist – sie ist Teil von etwas Größerem. Durch diese Chonky Animals teilen wir Kreativität, Widerstandsfähigkeit und Würde mit Menschen, die wir vielleicht nie treffen werden, die aber dennoch durch das, was wir herstellen, mit uns verbunden sind.

Wenn Sie den Menschen in Baden-Württemberg eine Sache über Ihre Erfahrungen mitteilen könnten, was sollten sie Ihrer Meinung nach verstehen?

Wenn ich den Menschen in Baden-Württemberg eine Sache sagen könnte, dann wäre es diese: Eure Unterstützung ist nicht nur finanzieller Natur – sie verändert unser Leben. Was aus der Ferne vielleicht unbedeutend erscheint, bewirkt in unserem Alltag echte Veränderungen. Dank dieser Chance verdienen wir nicht nur unseren Lebensunterhalt; wir gewinnen auch unser Selbstvertrauen, unsere Unabhängigkeit und unser Selbstwertgefühl zurück.

Ich möchte, dass sie wirklich verstehen, dass wir nicht nur Hilfsempfängerinnen sind – wir sind qualifizierte, fleißige Frauen mit Träumen, Kreativität und Stärke. Mit der richtigen Unterstützung können wir unsere eigene Zukunft gestalten. Ihre Verbindung zu uns, selbst aus der Ferne, erinnert uns daran, dass wir gesehen, geschätzt und nicht vergessen werden. Und dieses Gefühl gibt uns Hoffnung.

Und zum Schluss: Hast du ein Lieblings-Chonky Animal und warum?

Mein liebstes Chonky Animal ist das Schaf. Für mich steht das Schaf für Sanftmut, Fürsorge und stille Stärke. Es mag weich und ruhig wirken, ist aber auch widerstandsfähig und in der Lage, sich an unterschiedliche Umgebungen anzupassen. In vielerlei Hinsicht sehe ich unsere eigene Geschichte im Schaf widergespiegelt. Wir arbeiten mit Geduld und Freundlichkeit und unterstützen uns gegenseitig als Gemeinschaft. Selbst wenn das Leben schwierig ist, bleiben wir standhaft und gehen gemeinsam weiter voran. Wenn ich ein Schaf nähe, habe ich das Gefühl, Wärme, Trost und Hoffnung in jedes Detail einzuweben.

Cecilia Pedersen ist Leiterin für Programme und Entwicklung der FYF und war im April Mitausstellerin am Stand der SEZ auf der Messe Fair Handeln in Stuttgart.

Bei Veranstaltungen wie der Fair Handeln 2026 erreichen Geschichten wie die der FYF ein internationales Publikum. Was hoffen Sie, dass die Menschen mitnehmen, nachdem sie Ihre Arbeit kennengelernt haben?

Auf der Fair Handeln habe ich viele Menschen getroffen, die die Chonkys angesehen und gesagt haben: „Ich möchte versuchen, so etwas selbst zu machen.“ Und diese Reaktion gefällt mir wirklich sehr gut. Durch diese wunderschönen, gehäkelten Handarbeiten können wir eine Verbindung über die Fähigkeiten, die Kreativität, die Interessen und die Menschlichkeit herstellen, die wir gemeinsam haben – statt über unsere Unterschiede. Ich denke, das ist gerade jetzt besonders wichtig, in einer Zeit, in der es sich so anfühlt, als würde die Welt immer isolierter und polarisierter.

Ich hoffe auch, dass die Menschen durch die Auseinandersetzung mit der Arbeit der jesidischen Frauen eine andere Sichtweise mitnehmen als die, die wir so oft in den Medien hören – eine, die Menschen, die Krieg und im Falle der Jesid*innen einen Völkermord überlebt haben, auf etwas Eindimensionales reduziert. Die Chonkys und die umfassendere Arbeit von FYF zielen darauf ab, den Menschen zu helfen, etwas anderes zu sehen: dass jesidische Frauen Führungskräfte und Schöpferinnen sind, die bemerkenswerte Stärke und Widerstandsfähigkeit zeigen.

Wenn Sie ein Chonky Animal kaufen, ist das kein Akt der Wohltätigkeit, sondern der Solidarität. Durch die Chonkys können jesidische Frauen ihre eigene Geschichte erzählen, die viel nuancierter ist – eine Geschichte, in der sie gestärkt und selbstbewusst sind und sich eine würdige Zukunft aufbauen, trotz aller Versuche, ihre Kultur und Identität auszulöschen.

Diese Frauen tragen das Wissen, die Traditionen und die Stärke von Generationen in sich. Ich hoffe, dass ihre Geschichten die internationale Gemeinschaft daran erinnern, dass es nicht nur Leid gibt, auf das man reagieren muss, sondern auch Mut und Weisheit, wovon man lernen kann.

Oft besteht eine Kluft zwischen Bewusstsein und Handeln. Wie kann man konkret von Mitgefühl zu sinnvoller Unterstützung übergehen?

Alle, die ich auf der Fair Handeln Messe in Stuttgart getroffen habe, hatten großes Mitgefühl für die jesidische Gemeinschaft und das Leid, das sie durchgemacht hat. Die meisten wollen wirklich etwas tun und fragten, was getan werden kann.

Ich glaube, viele von uns vergessen, dass die strukturellen Ungleichheiten, von denen Hewan spricht, in Wirklichkeit globale Ungleichheiten sind. Das bedeutet, dass sie durch internationale Systeme, Strategien und politische Entscheidungen geprägt sind und dass auch wir – als Bürger*innen – dabei eine Rolle spielen. Auch unsere Regierungen sind Teil dieses Gesamtbildes, und sie müssen dafür zur Rechenschaft gezogen werden, wie sie Gerechtigkeit, Wiederaufbau und langfristige Stabilität in Ländern wie dem Irak unterstützen.

Deshalb sind hier vier konkrete Schritte, die Sie heute unternehmen können:

  1. Direkte Unterstützung: Bestellen Sie ein Chonky Animal und unterstützen Sie damit direkt die jesidische Frau, die es hergestellt hat.
  2. Tragen Sie zu nachhaltigem Wandel bei: FYF ist zur Finanzierung der vielseitigen Programme zum Teil auf Spenden aus unserem großzügigen Netzwerk angewiesen. Wenn Sie unsere Vision teilen und mit Ihrer Spende das Leben von Frauen und Kindern, die von Konflikten betroffen sind, verbessern möchten, spenden Sie direkt an FYF. Wenn Sie Fragen haben oder Möglichkeiten der Zusammenarbeit erkunden möchten, kontaktieren Sie uns unter info@freeyezidi.org.
  3. Nutzen Sie Ihre Stimme: Schaffen Sie Bewusstsein, üben Sie aber auch Druck aus. Sprechen Sie mit Ihren gewählten politischen Vertreter*innen und fragen Sie sie, wie sie Minderheitengemeinschaften unterstützen – sowohl in Deutschland als auch im Irak. Setzen Sie sich für politische Maßnahmen ein und stimmen Sie für solche ab, die über kurzfristige Hilfe hinausgehen und in langfristige Gerechtigkeit und lokale Führungskräfte investieren.
  4. Helfen Sie uns, die Botschaft zu verbreiten: Liken Sie uns auf Facebook, folgen Sie uns auf Twitter, Instagram und LinkedIn und teilen Sie unsere Geschichten mit Ihren Freund*innen und Ihrer Familie.

Jesidische Frauen geben nicht auf, eine bessere Zukunft zu gestalten. Das sollten wir auch nicht.

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FAIR HANDELN INTERVIEW WIRTSCHAFT

Im Gespräch mit Alma Spribille

Alma Spribille ©WEtell

Alma Spribille ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der WEtell GmbH, einem klimaneutralem Mobilfunkanbieter aus Freiburg. WEtell wird vom 9. bis 12. April 2026 Teil des neuen Ausstellungsbereiches „Gamechanger“ auf der Messe Fair Handeln sein. Erfahren Sie im Gespräch mit Alma Spribille, was WEtell zum Gamechanger macht und was Besucher*innen auf der Messe erwartet.

Wie bist du auf die Idee eines nachhaltigen Mobilfunkanbieters gekommen und was motiviert dich als Geschäftsführerin von WEtell?

Nach vielen Jahren in der Solarforschung wollte ich gerne etwas tun, um Menschen noch konkreter mit Nachhaltigkeit in Berührung zu bringen. Mit einem eigenen Unternehmen habe ich da persönlich einen viel größeren Hebel. Den Mobilfunk haben meine Mitgründer und ich gewählt, weil in ihm ein riesiges Potenzial für nachhaltige Veränderung liegt. Schließlich nutzen wir ihn alle täglich.

Warum seid ihr auf der Fair Handeln Messe als Gamechanger dabei? Was macht euch zum Gamechanger?

Mit WEtell zeigen wir, wie sich das das „Game“ des Unternehmer*innentums ändern lässt – hin zu einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft. Da passen wir natürlich super auf die Fair Handeln Messe. Schließlich bietet sie einen Rahmen, um Lösungen für eine menschlichere Wirtschaft sichtbar zu machen. Gemeinsam setzen wir ein starkes Zeichen für eine bessere, zukunftsfähige Wirtschaft.

Warum und wie setzt ihr euch hier in Baden-Württemberg für eine bessere Welt ein?

Für globale Veränderungen müssen wir lokal beginnen. Baden-Württemberg ist ein wichtiger Wirtschaftsstandort in Deutschland. Wenn wir hier erfolgreich mit der Transformation beginnen, können wir andere Regionen inspirieren, es uns nachzumachen. Deswegen engagieren wir bei WEtell uns auch gezielt in der Lobby- und Verbandsarbeit für nachhaltige Wirtschaft.

Als Vorständin beim Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. setzt du dich dafür ein, dass Unternehmen nachhaltig handeln und so u.a. den Klimaschutz vorantreiben. Wie nimmst du die derzeit angespannte Lage der deutschen Wirtschaft wahr – als Gefahr für nachhaltiges Wirtschaften oder als Chance?

Ich denke, dass in jeder Krise Chancen stecken – wenn wir sie denn ergreifen. Gerade sehen wir: Während wir krampfhaft versuchen, an alten Erfolgen wie den Verbrenner-Autos festzuhalten, überholen uns andere Staaten mit ihren Innovationen. Wenn wir es schaffen, jetzt umzulenken und in zukunftsfähige Branchen investieren, können wir gestärkt aus dieser Krise gehen.

Was ist deine Botschaft an Menschen, die sich für faireres und besseres Miteinander einsetzen?

Vergesst nicht, euch um euch selbst zu kümmern. Es ist eine herausfordernde Zeit und wir können nur weiter wirksam sein, wenn wir auch gut zu uns selbst sind!

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INTERVIEW PARTNERSCHAFT NORDIRAK PROJEKT­FÖRDERUNG SEZ

Im Gespräch mit Ghazalleh Pakseresht

Ghazalleh Pakseresht und Laurids Novak (SEZ) bei der Akteurskonferenz der Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak in Stuttgart ©SEZ/ Hasan Malla

Auf unserer letzten Reise in den Nordirak haben wir Ghazalleh Pakseresht getroffen. Sie ist die Mutter des verstorbenen Musikers, Unternehmers und Produzenten Xatar (geb. Giwar Hajabi). Ghazalleh war Lehrerin im Iran und musste vor Repressalien bis hin zum Gefängnisaufenthalt mit ihrem Kind Giwar (Xatar), aufgrund Ihres politischen Engagements im Iran und Irak, nach Deutschland fliehenGemeinsam haben wir die Schule für Waisenkinder vom Verein Our Bridge e. V. in Khanke, im Nordirak, besucht. Erfahren Sie im Interview mehr über das geförderte Projekt, den Bezug zu Xatar sowie die Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak.

Liebe Ghazalleh, schön, dass wir uns heute hier bei der Akteurskonferenz der Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak in Stuttgart wieder treffen und du Zeit für ein kurzes Gespräch hast. Uns interessiert vor allem, was du in dem Projekt von Our Bridge e. V. siehst, was begeistert dich an dem Projekt?

Mein Sohn Giwar, also Xatar, hat mich bei seinem Engagement für die jesidischen Kinder nach dem Genozid immer Teil haben lassen.  

Xatar war wie viele Menschen schockiert vom Massaker an den Jesidinnen und Jesiden. Deshalb wollte er unbedingt etwas für jesidische Kinder tun, die durch Daesh zu Waisenkindern geworden sind. Dann entstand durch Paruar Bako die Idee ein Waisenhaus zu bauen und Giwar hat sofort alles eingesetzt, was in seiner Macht stand, um die Idee zu realisieren. Er hat seine Rap- und Musikfreund*innen für ein Konzert arrangiert, um den Erlös nach Kurdistan zu schicken (“The Voice of The Voiceless”, Anm. der Red.). Ideen gibt es wie Sand am Meer, aber wenn die Idee nicht durch Geld unterstützt wird, dann bleibt es immer nur ein Traum. Deshalb hat Giwar, wie Paruar und Michael dankbar sagen, als Erster das Licht gezündet. 

Warum ich nach seinem Tod nochmal hingegangen bin – um ihm nah zu sein. Ich hatte das Gefühl, dass ich dort seiner Seele näher bin. Ich glaube, dass er meinen Besuch mitbekommen hat, auch wenn er nicht mehr hier ist.  

Ich glaube, er wollte nicht, dass ich allein dort bin, aber das war ich nicht – du und Philipp waren dort und Paruar (Laurids Novak und Philipp Keil von der SEZ und Paruar Bako von Our Bridge e.V., Anm. d. Red.). Ihr alle habt euch um mich gekümmert, wie Botschafter von Giwar. Das war etwas ganz Besonderes für mich und hat mich abgelenkt. Vor Ort habe ich gesehen, dass sein Weg weiter geht. Deshalb war ich dort und habe sehr, sehr viel Kraft mit zurück nach Deutschland genommen.  

Ich versuche natürlich, seinen Weg durch meine Erfahrungen und in meinem Bekanntenkreis weiterzuführen, um eure Organisation beziehungsweise Paruar und Our Bridge zu unterstützen. Die Idee soll weitergehen.

Was würdest du sagen, zeichnet dieses Projekt von Our Bridge e.V. und Paruar Bako aus? Was macht es zu so etwas Besonderem?

Also das Besondere ist, was die Kinder jetzt haben. Einen Ort, wo Werte und Menschenrechte weitergeführt und gepflegt werden. Das, was ihr macht, eure Organisation, dass ihr diese Schule unterstützt, das ist etwas Besonderes. Und was mir am meisten gefällt, sind die jungen Engagierten – Paruar und Michael – sie sind einmalig, also was sie bereits alles gemacht haben.  

Philipp (Keil, Geschäftsführender Vorstand der SEZ, Anm. d. Red.) hat vorhin gesagt, wir müssen von den Betroffenen, den Menschen vor Ort lernen. Also diese zwei jungen Männer aus Deutschland (Paruar und Michael von Our Bridge e.V., Anm. d. Red.), sind einfach nach Khanke gegangen und engagieren sich dort seit Jahren. Giwar hat nachdem Paruar ihm von der Idee erzählte auch einfach gesagt, komm das machen wir – mit vollem Vertrauen in die jungen Engagierten. Das gibt mir Kraft.  

Die Kinder haben mir erzählt, dass sie irgendwann mal Ärzte oder Lehrerinnen werden wollen. Ich habe in den Kindergesichtern und ihrem Lächeln Giwars Seele gesehen. Und auch als ich traurig war, kamen die Kinder zu mir und haben mir ein Bild von ihm gezeigt, wo steht “Unser Robin Hood”. Die Begegnungen mit den Kindern haben mich getröstet, sie haben gesagt, ich solle nicht weinen. Also das war sehr bewegend.

Es ist sehr schön, dass du deine Erlebnisse mit uns teilst und den Wert bemisst, den diese Projekte für uns haben. Auch, dass du das mit einem ganz anderen, für uns so wertvollen Blick bewertest. Vielleicht noch zum Abschluss die Frage: Was wünscht du dem Projekt?

Also ich wünsche mir für das Projekt, dass das Engagement in Deutschland auch gesehen und wertgeschätzt wird. Die Engagierten sind noch so jung, aber so weise. Sie haben so viel auf die Beine gestellt, sie geben ihr Bestes und es geht immer weiter. Das heißt, diese Unterstützung von euch, die fruchtet und das wird noch mehr – wie bei Blumen, wenn der Wind kommt und den Samen weiterträgt.

Und was würdest du der Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak wünschen?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Ich denke, was ihr bis jetzt gemacht habt, macht ihr sehr gut, also weitermachen. Ich bin sehr dankbar und sprachlos, wie und wie sehr ihr euch für die Kurdinnen und Jesiden einsetzt und helft. Ich wünsche euch und uns, dass ihr diese Bemühungen auch in Zukunft weiter macht und weiter machen könnt.

Liebe Ghazallehmöchtest du uns noch spontan eine Idee äußern, welche Art von Projekt aus deiner Perspektive gut für die traumatisierten Kinder vor Ort sein könnte?

Musik heilt die Seele, egal was man erlebt hat. Als Mutter von Xatar und selbst Musikerin fände ich es schön, wenn man Räumlichkeiten schafft, in denen die traumatisierten Kinder Musik erleben und lernen können. Klassische Instrumente wie Geige, Klavier aber auch mit orientalischer Musik und Instrumenten wie der Sitar und Saz. Es wäre schön, wenn in zehn Jahren, die Kinder als Orchester auftreten und ihre Musik zum Beispiel hier in Europa teilen. Musik und Sport, das heilt sehr und damit kann man auch seinen Lebensunterhalt verdienen.

Für uns ist es immer ein besonderer Momentdie Schule Harman von Our Bridge zu besuchen. Einmal waren wir mit Ihnen im Heiligtum Lalesch, ein anderes Mal haben wir spannende Menschen getroffen, die jetzt auch hier bei der Akteurskonferenz sind und jetzt bei der letzten Reise im Oktober haben wir dich kennenlernen dürfen. Uns war immer bewusst, dass Xatar wie ein Patron seine Hand über Our Bridge gehalten hat, aber uns war nicht ganz klar, wie konkret. Danke, dass wir durch dich und deine Erzählungen Giwar, also Xatar, und sein Wirken persönlich erfahren konnten. Wir sind dankbar, dass wir dich dort kennenlernen durften und hoffen, dass du uns in der Partnerschaft erhalten bleibst.

Ja, natürlich das werde ich. Vielen Dank als Kurdin an euch, an die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg, und besonders an euch, Laurids (Novak) und Philipp (Keil), für euer Engagement für die Kurden und Jesidinnen in Khanke und Shengal.

Hast du noch etwas auf dem Herzen, das du gerne teilen möchtest?

Michael Erk, der Schulleiter der Schule bei Our Bridge schrieb mir nach meinem Besuch sehr bewegende Worte. Einen kurzen Ausschnitt davon, der mich sehr berührt hat, möchte ich gerne teilen: 

“Seine (Giwars bzw. Xatars) Spuren sind lebendig in den Mauern unserer Schule. In den lachenden Stimmen der Kinder. In jedem Traum, der dort neu geboren wird.” 

Das hat mich sehr beruhigt und macht mich stolz als Mutter.

Ghazalleh vielen Dank für deine Zeit und, dass du heute hier bist.

Ich danke dir, also euch, dass ich euch kennengelernt habe. Das war für mich eine einmalige Begegnung. Also vielen Dank.

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BENEFIZ INTERVIEW PARTNERSCHAFT NORDIRAK PROJEKT­FÖRDERUNG

Im Gespräch mit Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad

Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad auf der Messe Fair Handeln 2025 (Foto: SEZ/fotonoid).

Nadia Murad ist eine weltweit bekannte Menschenrechtsaktivistin und Überlebende des Völkermords an den Jesid*innen durch den sogenannten Islamischen Staat im Nordirak im Jahr 2014. Für ihren Einsatz gegen sexualisierte Gewalt erhielt sie 2018 gemeinsam mit Dr. Denis Mukwege den Friedensnobelpreis. Als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel setzt sie sich unermüdlich für Gerechtigkeit und den Schutz verfolgter Minderheiten ein.

Dafür ist Nadia Murad viel unterwegs – im Nordirak, den USA aber auch in der Region Stuttgart, wo sie mittlerweile lebt. Nadia Murad ist eine von rund 1.100 jesidischer Frauen, die seit 2015 über ein Sonderkontingent nach Baden-Württemberg gekommen sind. Mit ihrer Organisation Nadia’s Initiative unterstützt sie Überlebende von Gewalt, fördert den Wiederaufbau von Gemeinden im Nordirak und kämpft für die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen. Ihr Ziel ist es, Betroffenen eine Stimme und Perspektive zu geben und, dass sich derartige Gräueltaten nicht wiederholen. Nadia’s Initiative wurde bereits mehrmals über die SEZ mit Mitteln des Landes Baden-Württemberg gefördert.

Im Interview spricht Nadia Murad über ihr Engagement, die Herausforderungen ihrer Arbeit und die Bedeutung von Partnerschaften – wie die Zusammenarbeit mit der SEZ. Erfahren Sie mehr über ihre Wünsche für die Zukunft und wie jede*r Einzelne dazu beitragen kann, Veränderung zu bewirken.

Frau Murad, Sie sind weltweit bekannt für Ihren Einsatz für die Rechte von Frauen und Minderheiten. Wenn Sie heute auf Ihren Weg bis hierhin zurückblicken: Was waren entscheidende Momente für Ihr Engagement und wie hat sich Ihr Engagement im Laufe der Jahre verändert?

Wenn ich zurückblicke, dann gibt es mehrere Momente, die mein Engagement befördert haben. In meinem autobiographischen Buch Ich bin eure Stimme habe ich beschrieben, wie ich Zeugin von einem der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit der heutigen Zeit geworden bin – das Töten und die Entführung meiner Familie, Freund*innen und Mitglieder meiner Gemeinschaft sowie die Zerstörung meines Zuhauses und Dorfes. Ich wurde Zeugin davon, was meiner Mutter, meinen Schwestern, Nichten und Neffen passiert ist und das sind Erinnerungen, die ich niemals vergessen kann.

Wir lebten ein einfaches Leben und wurden von einer der brutalsten Terrororganisationen der Welt angegriffen. Ihr Ziel war es nicht nur uns als Individuen zu vernichten, sondern unser Volk, uns Frauen und die gesamte Gemeinschaft auszulöschen. Ich überlebte, während es so viele Frauen und Mädchen nicht geschafft haben und das bewegte mich dazu, meine Geschichte zu erzählen und für diejenigen zu sprechen, deren Stimmen der Islamische Staat zum Schweigen bringen wollte.

Später traf ich auf Reisen in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo, Kenia, der Ukraine und Kosovo Überlebende sexueller Gewalt und da wurde mir klar, dass was den Jesid*innen widerfahren ist, kein Einzelfall war. Sexuelle Gewalt wird weltweit als Kriegswaffe eingesetzt. Diese Erkenntnis verstärkte mein Engagement – nicht nur für meine Gemeinschaft, sondern für Überlebende überall.

Allzu oft wird sexuelle Gewalt in Konflikten als Nebeneffekt des Krieges behandelt und nicht als bewusste Taktik. Diese Auffassung müssen wir ändern. Mein Weg wurde durch persönliche Verluste geprägt aber auch die Stärke von anderen Überlebenden hatte einen starken Einfluss. Deshalb setze ich mich weiterhin dafür ein, dass Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden und Überlebende Unterstützung erhalten, um ihr Leben wieder aufbauen zu können.

Sie inspirieren viele Menschen, doch häufig wissen diese nicht, wie genau sie Ihren Einsatz für Menschenrechte unterstützen können. Was wäre ein konkreter, vielleicht sogar ungewöhnlicher Rat, den Sie den Leser*innen aber auch uns, als Förderin, mit auf den Weg geben würden, um etwas zu bewegen?

Als ich es schaffte, aus der Gefangenschaft zu entkommen, waren mein Zuhause und mein Dorf zerstört und unter der Kontrolle des IS. Ich war gezwungen, in einem Geflüchtetenlager in meinem eigenen Land zu leben. Ich habe selbst erlebt, wie solche Lager das Gefüge von Familien und Gemeinschaften zerstören, weil es ihnen an Privatsphäre, Arbeitsmöglichkeiten, angemessener Bildung und der Sicherheit eines familiären Umfelds mangelt.

Diese Erfahrung hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass Geflüchtetenlager keine sichere und langfristige Lösung für Menschen sind, die einen Völkermord erlebt haben. Aus diesem Grund haben wir uns bei der Gründung von Nadia’s Initiative darauf konzentriert, Sindschar wieder aufzubauen, anstatt in den Lagern tätig zu werden. Wir haben in Projekte investiert, die Infrastruktur wieder aufzubauen, neue Möglichkeiten vor Ort zu schaffen und den Menschen eine Chance zu geben, sicher in ihre Heimat zurückzukehren.

Gleichzeitig habe ich die Regierungen der Länder in Europa, Nordamerika und darüber hinaus aufgefordert, Jesid*innen und anderen Überlebenden, die noch nicht in ihre Heimat zurückkehren können, Recht auf Asyl zu gewähren. Zwar haben einige Länder wie Frankreich, Deutschland, Kanada und Australien Überlebende aufgenommen, doch kein Land war bereit, allen Jesid*innen Schutz zu gewähren. Deshalb bin ich überzeugt, dass die wirksamste Hilfe, die Regierungen, lokale Behörden – einschließlich das Land Baden-Württemberg – und internationale Unterstützer*innen anbieten können darin besteht, direkt in nachhaltige Lösungen in Post-Konfliktregionen wie Sindschar zu investieren.

Mit anderen Worten: Der beste Weg, um langfristige Veränderungen zu erreichen, besteht nicht in kurzfristiger Hilfe, sondern darin, Gemeinschaften dabei zu unterstützen, ihre Heimat wiederaufzubauen, ihre Würde zurückzugewinnen und die Grundlage für eine sichere und stabile Zukunft zu schaffen.

Wenn Sie sich die Welt in 25 Jahren, im Jahr 2050, vorstellen: Was wäre für Sie das deutlichste Zeichen, dass Ihre Arbeit, die Ihrer Organisation und der Partnerschaft Baden-Württemberg und Nordirak – nachhaltig gewirkt hat?

Um ehrlich zu sein, ist es schwer vorstellbar, wie die Welt in 25 Jahren aussehen wird. Wir erleben rasante geopolitische Veränderungen, eine sich beschleunigende Klimakrise und tiefgreifende Erschütterungen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Systeme.

Das deutlichste Zeichen für die nachhaltige Wirkung unserer Arbeit und dieser Partnerschaft wäre jedoch, wenn die heute initiierten Projekte langfristig weitergeführt, von der Gemeinschaft selbst getragen sind und sich darauf konzentrieren, die am meisten marginalisierten Menschen zu stärken – insbesondere Frauen und Mädchen.

Ein Beispiel dafür ist das erste Frauenzentrum, das wir in Sindschar gegründet haben. Es ist bereits zu einem Leuchtturmprojekt der Hoffnung geworden und hat das Potenzial, die Rechte von Frauen und Mädchen zu stärken und ihnen gleichzeitig die Bildung und Kenntnisse zu vermitteln, die sie für ihren Erfolg benötigen. Wenn solche Zentren im Jahr 2050 noch immer bestehen und wachsen, diese von lokalen Frauen geleitet werden, Generationen von Überlebenden unterstützen und zu einer stärkeren, widerstandsfähigeren Gemeinschaft beitragen, dann wäre das ein deutliches Zeichen dafür, dass unsere Arbeit nachhaltig etwas bewirkt hat.

Liebe Frau Murad, vielen herzlichen Dank für diesen Einblick und Ihre Zeit.

Projekte von Nadia’s Initiative beim Traditionellen Benefizkonzert der SEZ am 16. Oktober 2025 im Neuen Schloss in Stuttgart unterstützen

In diesem Jahr stehen Projekte der Partnerschaft mit dem Nordirak im Mittelpunkt. So beispielsweise das Projekt „Hoffnung durch Sport neu aufbauen – Jugendliche in Sindschar stärken“, durchgeführt von der Organisation Nadia’s Initiative, gegründet von Friedensnobelpreisträgerin und Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad.

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AMAHORO! LANDESPARTNERSCHAFT INTERVIEW SEZ

Im Gespräch mit Darcy Mwuhiro

Bild: Daryc Mwuhiro stellte beim Smartphone Documentary Workshop vor seinen Mitschüler*innen und den Lehrer*innen sein Projekt vor © Burundi Film Center.

September 2024 in Bujumbura: Im Rahmen des Smartphone Documentary Workshops entstanden in kürzester Zeit neun beeindruckende Trailer. Das einzige Werkzeug? Ein Smartphone. Dieser Workshop entstand durch eine Kooperation zwischen der Filmakademie Baden-Württemberg und dem Burundi Film Center. Finanziert wurde das Projekt von der SEZ über Mittel des Staatsministeriums Baden-Württemberg, die vom Landtag Baden-Württemberg bewilligt wurden.

Darcy Mwuhiro ist ein junger Dokumentarfilmer und Fotograf aus Burundi. Sein Schwerpunkt liegt auf Geschichten der Resilienz, Hoffnung und Friedensbildung. So interviewte er beim Smartphone Documentary Workshop im September 2024 Geflüchtete aus der DR Kongo. Im Gespräch erfahren wir, was ihn inspiriert und wie er durch Filme Menschen zusammenbringt.

Amahoro, Darcy. Wie kamst du zum Film?

Seit meiner Kindheit war ich von Filmen umgeben. Sie eröffneten andere Welten und regten meine Vorstellungskraft wie kein anderes Medium an. Filme halfen mir zu träumen, zu staunen und das Leben aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.
Ursprünglich wollte ich kein Filmemacher werden: Ich begann Friedensförderung und Entwicklung zu studieren. Denn ich wollte verstehen, wie Gemeinschaften nach traumatischen Ereignissen – wie Bürgerkriegen oder Genoziden – heilen können. Mit der Zeit erkannte ich jedoch, dass sich manche Wahrheiten nicht in Lehrbüchern oder Daten finden lassen – sie leben in Gesichtern, Stimmen, in der Stille und in Auseinandersetzungen. Eine Kamera kann Dinge zeigen, die Worte nicht ausdrücken können.

Was inspiriert dich bei deiner Arbeit?

In meinem Heimatland, Burundi, gibt es eine Fülle von unerzählten Geschichten – Geschichten, die von Widerstandsfähigkeit, Hoffnung und dem andauernde Weg nach Frieden erzählen. Ich möchte diese Geschichten, diese Momente einfangen und sie einem breiteren Publikum zugänglich machen: Das ist der Kern meiner Motivation. Filme haben die einzigartige Fähigkeit, Empathien zu wecken und Menschen über Kulturen hinweg miteinander zu verbinden.

Auf welche Themen legst du den Fokus in deinen Filmen?

Mit meinem Hintergrund in Friedensförderung und Entwicklung habe ich mich schon immer für Geschichten interessiert, die Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung fördern. Was mich wirklich fasziniert, sind die kleinen, kraftvollen Akte der Resilienz – Menschen, die im Verlust Sinnhaftigkeit entdecken, und Chaos in Kunst verwandeln. Das sind die Geschichten, die es verdienen, erzählt zu werden. Seit ich an der renommierten Filmakademie Baden-Württemberg studiere, beschäftige ich mich auch mit dem Spielfilm. Manchmal kann der Dokumentarfilm nicht die tief unterschwelligen Wahrheiten einfangen. Die Fiktion greift, wo die Realität versagt: Die Fantasie bringt Botschaften besser hervor und Emotionen können mehr erreichen. Ich lerne, beide Welten – Fiktion und Realität – zu verbinden. Damit ich Geschichten erzähle, die nicht nur informieren, sondern Menschen zum Handeln bewegen.

Im vergangenen Jahr hast du am Smartphone Documentary Workshop teilgenommen. Was hast du aus diesem Workshop mitgenommen?

Der Smartphone Documentary Workshop mit dem Burundi Film Center, der Filmakademie Baden-Württemberg und der SEZ hat uns gelehrt: Was zählt ist die Geschichte und der Mut, sie zu erzählen. Nur mit einem Smartphone in der Hand haben wir gelernt, bewusst die Welt zu sehen und zielgerichtet zu filmen.
Ein Moment, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war eine eindringliche Diskussion über Ethik im Dokumentarfilm mit unseren Trainer*innen aus Deutschland. Wir haben darüber gesprochen, was es wirklich bedeutet, die Würde der Menschen zu schützen, die uns ihre Geschichten anvertrauen. Dieses Gespräch hat mich sehr bewegt. Es hat mich daran erinnert, dass es bei der Dokumentararbeit nicht nur darum geht, Bilder einzufangen, sondern darum, die Wahrheit eines Menschen mit Sorgfalt zu vermitteln.
Dieser Workshop hat mir nicht nur beigebracht, wie man ohne großes Budget bessere Geschichten erzählt, sondern auch, wie ich meiner Stimme als Filmemacher vertrauen kann. Selbst mit einem Smartphone als Werkzeug kann eine gut erzählte Geschichte viel bewirken.

Wie kann die AMAHORO! Landespartnerschaft zwischen Baden-Württemberg und Burundi junge Künstler*innen unterstützen?

Die AMAHORO! Partnerschaft birgt ein immenses Potenzial für junge Künstler*innen wie mich, insbesondere in Burundi. Sie kann uns den entscheidenden Zugang zu Ressourcen, Mentor*innen und Vertriebsplattformen verschaffen, die für uns oft unerreichbar sind. Darüber hinaus kann sie ein wichtiges Gemeinschaftsgefühl und den Zusammenhalt fördern, sodass Künstler*innen voneinander lernen und sich auf ihrem kreativen Weg weniger alleine fühlen.
Meiner Erfahrung nach brauchen junge Künstler*innen vor allem Empowerment und Selbstvertrauen. Wir müssen daran glauben, dass unsere einzigartigen Perspektiven und Geschichten auf der globalen Bühne wirklich zählen.
Die AMAHORO! Partnerschaft kann eine wichtige Brücke sein, die burundische Künstler*innen mit der Welt verbindet und uns allen hilft, unser volles Potenzial auszuschöpfen.

Vielen Dank für die spannenden Einblicke, Darcy!

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Montag, 3. Juli 2023

AMAHORO! Landespartnerschaft

Die AMAHORO! Landespartnerschaft zwischen Baden-Württemberg und Burundi Gelebte Partnerschaften zwischen Baden-Württemberg und Burundi Seit mehr als 40 Jahren bilden partnerschaftliche

AMAHORO! LANDESPARTNERSCHAFT
SEZ
Montag, 19. Mai 2025

Friedensarbeit mitten im Konflikt?

Der anhaltende Konflikt im Osten der DRK und die Auswirkungen auf Burundi und Ruanda beschäftigen die Landespartnerschaft.
AMAHORO! LANDESPARTNERSCHAFT
BWIRKT!
ENGAGIERTE IN BADEN-WÜRTTEMBERG
PARTNER­SCHAFTS­GRUPPEN
PARTNER­SCHAFTS­ZENTRUM
Mittwoch, 30. April 2025

Veränderung beginnt in der Art, wie wir die Welt erzählen.

Öffentlichkeitsarbeit bedeutet Verantwortung, insbesondere auch in der internationalen Partnerschaftsarbeit.

Ihre Ansprechpartnerin

Anna Leicht
ÖA & Eventmanagement in AMAHORO! Landespartnerschaft zwischen BW & Burundi
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(POST)MIGRANTISCHE ORGANISATIONEN ENGAGIERTE IN BADEN-WÜRTTEMBERG INTERVIEW

Im Gespräch mit Paulino José Miguel

Paulino José Miguel beim 2. Afrika Forum Baden-Württemberg in Ludwigsburg im Herbst 2024 (©CamiloAmayaFotograf).

Seit Jahrzehnten setzt sich Paulino José Miguel für die Teilhabe von Migrant*innen in der Entwicklungspolitik ein. Lesen Sie im Interview, wie sein Engagement für Migration und Entwicklung ihn geprägt und welche Erwartungen er an die Zukunft hat.

Lieber Paulino, herzlichen Glückwunsch zum Bundesverdienstkreuz und zur Ehrung deines langjährigen Engagements. Du bist Fachpromotor für (post-)migrantische Vereine beim Forum der Kulturen Stuttgart e.V., vernetzt so die Branche und prägst mit deiner Arbeit aktiv unser interkulturelles Miteinander in Stuttgart, im Ländle und weit darüber hinaus. Du hast maßgeblich das Verständnis von Migration und Entwicklung geprägt. An was denkst du, wenn wir von „Migration & Entwicklung“ sprechen?

Wenn wir von Migration und Entwicklung sprechen, denke ich zuallererst an die Menschen. Ich denke an die Menschen, die an diesem Prozess beteiligt sind. Es sind Menschen, die nicht nur an sich selbst denken, sondern auch an die Gemeinschaften, aus denen sie ursprünglich kommen und in denen sie aktuell leben und darüber hinaus. Das sind Menschen, die die Gesellschaften zusammenhalten wollen und nicht spalten. Deshalb arbeiten Sie an der Verbesserung der Bedingungen in ihren Herkunftsländern und hier sowie weltweit.

Vielen Dank für die Einordnung. Kannst du uns einen Einblick geben, was in diesem Jahr ansteht?

In diesem Jahr haben wir einiges vor. Ein Punkt bleibt weiterhin die Bekanntmachung und der Austausch über unser Positionspapier mit Handlungsimpulsen zur besonderen Stellung des (post-)migrantischen Engagements in der entwicklungspolitischen Förderlandschaft. Das Interesse daran ist groß – wir haben zahlreiche Anfragen von unterschiedlichen Akteur*innen erhalten.

Zudem arbeiten wir an einem Expert*innenpapier, in das wir gezielt migrantische Expert*innen aus verschiedenen Einrichtungen einbinden möchten. Gerade jetzt, da Migration zunehmend zum Reizthema geworden ist – eine Entwicklung, die ich mit Sorge betrachte – braucht es eine klare, starke Position. Unser Ziel ist es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern und unsere Demokratie zu stärken.

Welche Erwartungen hast du an Organisationen wie die SEZ aber auch die Politik, um (post-)migrantisches Engagement in der entwicklungspolitischen Arbeit voranzubringen? In welcher Rolle siehst du die SEZ?

Organisationen wie die SEZ und die Politik spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung des (post-)migrantischen Engagements. In den letzten Jahren wurden bereits wichtige Fortschritte erzielt, doch es bleibt noch viel zu tun.

Die SEZ hat bereits zahlreiche Projekte realisiert, die (post-)migrantische Akteur*innen stärken. Ein Beispiel ist das Afrika Forum, das von Anfang an nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch von der SEZ begleitet und mit koordiniert wurde. Auch das baden-württembergische Staatsministerium unterstützt unsere Arbeit – etwa durch das migrantische entwicklungspolitische Netzwerk, in dem Landesbeamte und sogar Staatssekretär Rudi Hoogvliet aktiv den Austausch mit Migrant*innen suchen.

Ich wünsche mir, dass die SEZ diesen Weg weitergeht und noch mehr Stiftungen und Organisationen davon überzeugt, das Engagement von (post-)migrantischen Initiativen gezielt zu fördern. Diese Unterstützung sollte möglichst viele erreichen, um nachhaltige Wirkung zu entfalten.

Was wünschst du dir für das nächste Jahr für deine Arbeit und dein Engagement?

Für das kommende Jahr wünsche ich mir, dass die Anerkennung meines Engagements auch auf andere Menschen mit Migrationsgeschichte ausgeweitet wird – insbesondere durch eine stärkere Unterstützung von Projekten, die von und für (post-)migrantische Gemeinschaften initiiert werden. Ein weiteres wichtiges Ziel ist es, Menschen mit Migrationsgeschichte in Schlüsselpositionen, wie Gremien und Vorständen von Dachverbänden, stärker zu verankern. Ihre Präsenz und Mitgestaltung auf diesen Ebenen sind essenziell, um ihre Perspektiven sichtbarer zu machen und strukturelle Veränderungen voranzutreiben.

Was bedeutet die offizielle Anerkennung deiner Arbeit durch das Bundesverdienstkreuz für dich?

Die offizielle Anerkennung meiner Arbeit ist für mich zugleich eine Würdigung des Engagements aller (post-)migrantischen Akteur*innen. Ich sehe mich dabei lediglich als Mittler, als eine Stimme für all jene Menschen mit Migrationsgeschichte, die sich täglich für das Gemeinwohl einsetzen.

Das Bundesverdienstkreuz habe ich stellvertretend für sie alle entgegengenommen – für diejenigen, die oft unsichtbar bleiben, aber durch ihre Arbeit unsere Gesellschaft maßgeblich mitgestalten.

Danke für deine Zeit und deinen unermüdlichen Einsatz für eine offene Gesellschaft!

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AMAHORO! LANDESPARTNERSCHAFT INTERVIEW

Im Gespräch mit Prof. Dr. Aloys Misago

Prof. Dr. Aloys Misago und Philipp Keil bei der BW-Burundi Konferenz 2022 in Stuttgart (© SEZ/ Amani Papy).

Unser langjähriger Partner Prof. Dr. Aloys Misago aus Burundi war im November zu Besuch in Baden-Württemberg und bei der SEZ. Im Interview lernen Sie Ihn und seine wichtige Arbeit im Deutschzentrum kennen.

Hallo Herr Prof. Dr. Misago, können Sie sich kurz vorstellen und uns über Ihre Arbeit und das Deutschzentrum in Burundi berichten?

Ich bin Vorstandsvorsitzender des Deutschzentrums in Bujumbura. Das Zentrum wurde 2022 gegründet, aber Deutschkurse gibt es bereits seit 2014.

Im Jahr 2014 kam eine Delegation aus Baden-Württemberg zu Besuch. Damals war ich Dekan des Wirtschaftswissenschaftlichen Institut. Die Delegation hat während der Reise die Umstände gesehen, unter denen wir arbeiten mussten: zu dem Zeitpunkt gab es zwei Lehrkräfte mit einem PHD, die mehr als 2.000 Studierende zu betreuen hatten. Die Delegation hat sich danach dazu entschieden, fünf Studierenden pro Jahr das Angebot zu machen, einen PHD in Deutschland abzuschließen. Das Problem: 2014 konnte ich keine fünf Leute finden, die über ausreichende Deutsch-Kenntnisse verfügten. So schickte ich nur zwei Lehrkräfte nach Deutschland. Diese zwei Lehrkräfte waren meine ersten beiden Deutsch-Studierenden

2015 folgten dann Unruhen in Burundi und die Partnerschaft ist etwas eingeschlafen. Aber 2017 wurde die Partnerschaft wiederbelebt und wir konnten mit 79 neuen Deutschlernenden beginnen. Damals ist die SEZ eingesprungen und finanzierte den ersten Deutschkurs nach 2015. Seitdem wächst die Zahl der Lernenden rasant, so dass wir heute 2540 eingeschriebene Studierende für die Deutschkurse haben. 2014 haben wir „klein“ angefangen – heute haben wir mehrere Campusse, an denen Deutsch gelehrt wird:

  • vier in Bujumbura,
  • drei in Gitega,
  • eine in Ngozi,
  • eine in Rumonge und
  • drei Stellen in Nyanza Lac.

Das Interesse an der deutschen Sprache in Burundi ist so stark gestiegen, dass wir die Teilnehmendenzahl begrenzen müssen. Denn wir haben zwei Probleme:

Das erste Problem ist die geringe Anzahl an Lehrkräften. Die ersten die Deutsch unterrichtet haben, sind diejenigen, die in Deutschland studiert haben und deshalb die Sprache gelernt haben. Als die Zahl der Interessenten stieg, mussten wir die ehemaligen Studierenden mit B1 und B2 motivieren, dass sie auch zu Deutschlehrkräften werden. Heute können wir diesen Bedarf decken.

Das zweite Problem sind die Räumlichkeiten. Von Anfang an haben wir die Räume der Universität genutzt. Auch heute nutzen wir diese Räume oder Räume an Schulen. Das geht aber nur mit Abendkursen. Für das Niveau B2 braucht man mit der Abendschule vier Jahre. Für Interessenten, die es eilig haben, ist das zu langsam. Sie haben zum Beispiel ein Stipendium oder möchten zu ihrer Familie in Deutschland. Diese Menschen können keine vier Jahre lernen. Deshalb bieten wir auch Intensivkurse an, in denen die Studierenden und Schüler*innen von 7:30 bis 12:30 Uhr lernen. Zu diesen Zeiten benötigen aber auch die Institutionen ihre Räume. Also stellt sich für uns gerade die Frage: Wie können wir neue Räume finden, damit wir mit den Intensivkursen weitermachen können?

Danke für diesen Einblick – die Entwicklung von 79 Lernenden zu über 2.500 ist sehr beeindruckend. Aber ja damit gehen natürlich auch andere Anforderungen in Bezug auf die Räumlichkeiten einher.

Es gibt das burundische Sprichwort „Inzira ntibara inkuru – Auf einer Reise begegnet man einer Vielzahl von Geschichten“. Du bist ja schon lange Jahre mit deinen Deutschkursen und auch so Teil der AMAHORO! Landespartnerschaft. Fällt dir eine Geschichte, eine Anekdote aus der Partnerschaft ein, die du erlebt hast und gerne mit uns teilen möchtest?

Das ist eine schwierige Frage, ich habe schon so viel Unterschiedliches in der Partnerschaft erlebt. Könntest du mir eine Richtung geben?

Wie wäre es mit einem Highlight? Oder einer Begegnung, wo du jemand besonderes getroffen hast?

Was mich sehr beeindruckt in der Partnerschaft ist, dass die Partnerschaft nicht nur Zahlen, nicht nur Gebäude sind, sondern eine persönliche Begegnung. Aus der Partnerschaft heraus habe ich sehr viele Freund*innen gefunden, sodass ich, wenn ich nach Deutschland reise, mich wie zuhause fühle. Und ich habe auch erlebt, dass viele Partner*innen sich so wohl miteinander fühlen, dass man sich gegenseitig nach Hause einlädt. Das begeistert mich am meisten an der Partnerschaft.

Meinst du das liegt auch an den Deutschkursen vor Ort? Dass dadurch neue Begegnungen entstehen und Menschen sich austauschen können? Dass dadurch neue Freundschaften und Familien entstehen, weil man sich unterhalten kann?

Ja natürlich. Es gibt viele Deutschlernende, die im Austausch zu Freund*innen werden. Selbst im erweiterten Netzwerk, also Menschen, die schon länger nicht mehr aktiv Deutschkurse besuchen, kommen zu Netzwerktreffen. Es gibt leider wenig Besucher*innen aus Deutschland, die nach Burundi kommen, um die Deutschlernenden kennenzulernen. Aber ich denke in der Zukunft werden auch mehr Interessierte aus Deutschland kommen und dadurch können natürlich neue Freundschaften entstehen.

Vielleicht wird es in der Zukunft dann mehr Austausch in beide Richtung geben …

Ja in Burundi lernen wir Deutsch. Ich träume davon, dass eines Tages deutsche Schüler*innen auch Kirundi lernen werden.

Ja sehr gerne, dann müssen wir hier auch ein Kirundi-Zentrum aufbauen und vielleicht haben wir dann auch eines Tages über 2000 Schüler*innen, die Kirundi lernen.

Ja es würde schon reichen, wenn Schulen oder Unis freiwillige Kirundi-Kurse anbieten würden.

Genau, dann könnte man im Austausch mit beiden Sprachen sprechen – Deutsch und Kirundi. Das ist eine schöne Idee.

Unsere letzte Frage geht in eine ähnliche Richtung, hast du einen Wunsch für die Partnerschaft?

Ja, ich wünsche mir noch mehr Hin und Her in der Partnerschaft. Oft ist es noch eine Einbahnstraße. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass auch im Bereich Kultur oder Wirtschaft mehr hin und her passiert. Dass zum Beispiel die Partnerschaft sich für mehr Unternehmen einsetzt, die in Burundi ansässig werden.

Für mehr Austausch, mehr Hin und Her setzen wir uns gerne weiterhin ein. Danke für dein Engagement und das Interview!

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AMAHORO! LANDESPARTNERSCHAFT INTERVIEW

Im Gespräch mit Prof. Émile Mworoha

Prof. Dr. Émile Mworoha hatte gemeinsam mit Erich Schneider die Vision einer Partnerschaft (Screenshot: SEZ)

Erfahren Sie im Gespräch mehr zu den Anfängen der AMAHORO! Partnerschaft zwischen Baden-Württemberg und Burundi.

Prof. Émile Mworoha wurde in Kayanza geboren. Er war Lehrer und schloss an der Universität einen Master in Geschichte ab. Sein Fokus in der Doktorarbeit lag auf der Geschichte der Region der Großen Seen, die den Titel „Institutionen, Riten und staatliche Strukturen im Afrika der Großen Seen“ trug. Eine seiner bedeutenden Publikationen war „Peuples et rois de l’Afrique des lacs: Le Burundi et les royaumes voisins au XIXe siècle“. In den 1980er Jahren war Mworoha Präsident der Nationalversammlung von Burundi. In dieser Zeit reiste er nach Baden-Württemberg und initiierte gemeinsam mit Erich Schneider, Landtagspräsident a. D., die AMAHORO! Landespartnerschaft.

Prof. Mworoha, Sie sind einer der Gründerväter der Partnerschaft zwischen Baden-Württemberg und Burundi. Während Ihrer Reise nach Baden-Württemberg trafen Sie den damaligen Präsidenten des Landtages, Erich Schneider. Wie kam es zu dieser Reise und können Sie die Anfänge dieser Partnerschaft beschreiben?
Im Jahr 1984, während meines Besuchs in Baden-Württemberg, kam mir eine wunderbare Idee, die ich gemeinsam mit meinem Freund Erich Schneider entwickelte: eine Partnerschaft zwischen der Provinz Kayanza in Burundi und dem Land Baden-Württemberg ins Leben zu rufen und zu fördern. Diese Vision nahm schnell Gestalt an. Wir haben also die Partnerschaft begonnen.

Sie begann damit das Kunsthandwerk in Kayanza zu fördern, das sich durch die Unterstützung Baden-Württembergs zu einem Kunsthandwerkszentrum entwickelte. Auch im Gesundheitswesen konnten wir wichtige Fortschritte erzielen. So wurde das Krankenhaus in Kayanza mit Ausrüstung ausgestattet, was die medizinische Versorgung der Menschen verbesserte. Diese Partnerschaft ist für mich ein Beispiel dafür, wie Zusammenarbeit über Grenzen hinweg greifbare Ergebnisse erzielen kann.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft der Partnerschaft?
Ich wünsche mir sehr, dass das Jubiläum ein Anlass ist, die Partnerschaft noch weiter zu vertiefen. Eine Herzensangelegenheit ist für mich die Zusammenarbeit mit Baden-Württemberg im handwerklichen Bereich in Kayanza. Ich wünsche mir, dass diese wieder aufgenommen wird.

Es ist mein Wunsch, dass auch die burundische Diaspora in Deutschland eine aktive und solidarische Rolle dabei spielt, die Partnerschaft zu intensivieren. Gemeinsam können wir sicherstellen, dass diese Verbindung nicht nur bestehen bleibt, sondern für die kommenden 40 oder 50 Jahre noch stärker wird.

Ihre Ansprechpartnerin

ANNA LEICHT

ÖA & Eventmanagement in AMAHORO! Landespartnerschaft zwischen BW & Burundi

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