Umstritten: Altkleider-Exporte nach Afrika

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Die Altkleiderexporte aus Europa nach Afrika sind umstritten. Verschiedene ostafrikanische Länder kündigten an, ab 2019 einen Importstopp für Altkleiderimporte zu verhängen.

Wir sprachen über diese Themen mit Anton Vaas, dem Geschäftsführer der Aktion Hoffnung, einem langjährigen Partner der SEZ.

Das Hauptargument gegen die Altkleiderexporte nach Afrika ist ja, dass sie die Textilmärkte der Importländer kaputt machen. Was ist an diesem Vorwurf dran, Herr Vaas?

Diese Diskussion ist Anfang der 1990er Jahre vor allem durch eine Studie von Südwind aufgekommen. Aber das stimmt so nicht ganz. Es gab in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine afrikanische Textilindustrie, die allerdings zu keinem Zeitpunkt international konkurrenzfähig war. Durch die Liberalisierung der afrikanischen Märkte in den 1980er Jahren wurde sie sehr empfindlich getroffen.

Wie steht es denn heute um die afrikanische Textilindustrie?

Es gibt nach wie vor Textilfabriken, die Kleidung für die heimischen Märkte produzieren. Das ist aber mehr traditionelle Kleidung aus Stoffen mit traditionellen Mustern. Diese traditionelle Kleidung wird eher für Festtage gekauft, weil sie für den Alltag schlichtweg zu teuer ist. Das ist bei uns ja auch nicht anders. Und für diese traditionelle Kleidung stellen die Textilexporte keine ernsthafte Konkurrenz dar.

Die afrikanischen Bekleidungsmärkte werden heute primär von chinesischen Billig- und Billigstimporten dominiert. Die Märkte werden mit Neuware überschwemmt, die aber von geringer Qualität ist. Teilweise enthalten die Textilien auch gesundheitsschädliche Substanzen.


Und welche Rolle spielen jetzt die Altkleiderimporte auf den afrikanischen Märkten?

Man geht heute davon aus, dass der Export oder Handel mit Altkleidern eher Einkommen schaffende Effekte vor Ort in Afrika hat. Sehr viele Kleidungsstücke müssen aufgebügelt werden, die meisten werden umgenäht. Das schafft Arbeitsplätze für Menschen mit geringem Einkommen, zum Beispiel Näherinnen. Wir gehen davon aus, dass beispielsweise allein in Ostafrika eben mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze am Handel und an der Weiterverarbeitung von Gebrauchtkleidung hängen.

Weshalb dann der Importstopp, den die Ostafrikanische Gemeinschaft vor zwei Jahren beschlossen hat, wenn an dem Geschäft mit den Altkleidern so viele Arbeitsplätze hängen?

Das Argument war ja, man wolle eine eigene Industrie aufzubauen. Hört sich zunächst einmal logisch an und war ja Wasser auf die Mühlen derer, die die Altkleiderexporte kritisieren. Schaut man sich das Zustandekommen dieser Entscheidung aber einmal genauer an, dann sieht man ganz schnell, dass das Ganze auch auf Druck der Chinesen zustande gekommen ist, die sich ihre Absatzmärkte für neue Ware sichern wollen.

Tatsächlich ist der Importstopp teilweise auch schon wieder rückgängig gemacht worden, weil er schlichtweg an der Realität der Menschen vorbeigeht. Viele Altkleiderhändler sind Protest gelaufen gegen diese Regelungen. Dazu kamen noch Überlegungen, dass im Falle eines Importstopps die Gebrauchtkleider eben über die grüne Grenze kommen und dann auch noch Zolleinnahmen für die Ostafrikanische Gemeinschaft verloren gehen.

Kommt jetzt 2019 der Importstopp oder ist er erst einmal ausgesetzt?

Ruanda hält nach wie vor an diesem Importstopp fest, alle anderen Länder der Ostafrikanischen Gemeinschaft, das sind Südsudan, Uganda, Kenia, Tansania und Burundi, haben ihn ausgesetzt.

Was können wir Verbraucherinnen und Verbraucher hier in Deutschland tun, dass die Altkleider, die nach Afrika gehen, tatsächlich einen Wert haben?

Die Qualität der gespendeten Kleidung ist seit Jahren rückläufig, weil der Trend zu Fast Fashion geht, weil die Menschen, die heute Kleider kaufen, konsequent nur noch nach Mode kaufen. Modische Erscheinung, aktuellste Kollektion, weniger Qualität. Menschen kaufen heute tatsächlich nach Lust und Laune, Kleidung ist zu einem reinen Wegwerfartikel verkommen. Und da ist unser Appell als entwicklungspolitische Organisation, an die Konsumentinnen und Konsumenten, bewusster Kleidung einzukaufen, qualitativ hochwertige Kleidung einzukaufen und diese Kleidung möglichst lange zu tragen. Und nicht eben nach der ersten Saison oder nach zehnmal tragen in den Kleidercontainer zu geben. Kleidung muss möglichst lange getragen werden und von hoher Qualität sein, damit sie auch sinnvoll weiterverwendet werden kann.

Wenn wir die von uns gesammelte Kleidung in die Sortierung geben, kann weniger als die Hälfte der gespendeten Kleidung tatsächlich noch als Kleidung weitergetragen werden. Mehr als die Hälfte ist unter qualitativen Gesichtspunkten nicht mehr tragbar. Sie muss zu Sekundärrohstoffen weiterverarbeitet werden, was auch ökologisch wichtig und richtig ist. Es ist gut, dass es dafür diese Textilien gibt. Aber man müsste viel früher ansetzen - weniger konsumieren, die Kleidung länger tragen und auch qualitativ hochwertigere Kleidung kaufen, damit dieser Altkleiderberg erst gar nicht entsteht.

Wie unterscheidet sich die Aktion Hoffnung von anderen gemeinnützigen Sammlern?

Die Aktion Hoffnung ist der einzige flächendeckende Sammler in Baden-Württemberg, der sich den Kriterien des Dachverbands FairWertung unterworfen hat. FairWertung ist ein bundesweiter Zusammenschluss von über 130 gemeinnützigen Organisationen, die sich strengsten Standards in der Erfassung und der Sortierung der Kleidung unterworfen haben. Alle Sortierbetriebe werden extern auditiert. Es wird auf Sozialstandards geachtet in der Sortierung, Umweltstandards, Import- und Exportbestimmungen werden überprüft - und, ganz wichtig, die Erlöse, die aus dem Handel mit Altkleidern erzielt werden, werden ausschließlich gemeinnützigen karitativen Zwecken zugeführt.