Wie wir Machtstrukturen verändern wollen

Philipp Keil ist Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ). Partnerschaften zwischen Baden-Württemberg und Ländern des Globalen Südens sind zentrale Themen der Stiftung. Philipp Keil beleuchtet in diesem Zusammenhang Machtstrukturen und ihre Bedeutung. Beispielsweise für partnerschaftliche Projekte zwischen Burundi und Baden-Württemberg.

„Seit etwas mehr als zwei Jahren leite ich die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ). Die SEZ wurde 1991 durch den Landtag als unabhängige gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts gegründet. Durch die große Nähe zum Land sowie der Landesregierung Baden-Württembergs ist die Stiftung relativ klar der privilegierten Machtstruktur zuzuordnen. Wenn ich im Folgenden von einem Verständnis der Entwicklungszusammenarbeit oder von „uns“ spreche, dann ist die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft gemeint.

Der Auftrag der SEZ
Der Auftrag der SEZ ist Bewusstseinsbildung und die Förderung von entwicklungspolitischem Engagement. Seit meinem Beginn bei der SEZ im September 2015 sind wir in einem stetigen Organisationsentwicklungsprozess und dabei immer auf der Suche nach Wirkung. Leitfrage dabei: Wie können wir einen Beitrag für eine gerechtere Welt leisten? Der supranationale Rahmen in dem wir uns befinden ist die Agenda 2030. Sie ist das Zeugnis darüber, dass die Welt in einer Nachhaltigkeitskrise steckt. Sie ist ein geradezu revolutionärer Paradigmenwechsel. Denn in der Agenda geht es maßgeblich um die Entwicklung der Industrieländer. Ziel 17 ist etwa, Umsetzungsmittel stärken und die globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung wiederzubeleben. Untertitel der Agenda ist die “Agenda zur Transformation der Welt”. Zentrale Fragen die daraus entstehen: Was bedeutet Transformation? Was bedeutet Entwicklung? Wer entwickelt hier wen? Wo wollen wir uns hin entwickeln? Ist Wirtschaften ein Mittel zum Zweck und ein Endzweck?

Die traditionelle Entwicklungszusammenarbeit, auch die zur Zeit der Gründung der SEZ 1991, war stark von der Dichotomie geprägt zwischen der „Ersten Welt“, die entwickelt war, und der „Dritten Welt“, die vermeintlich unterentwickelt und hilfsbedürftig war. Nach wie vor verbindet die Mehrheitsgesellschaft mit dem Begriff Entwicklungszusammenarbeit zumeist Bilder von vertrockneten Landschaften, von kranken, unterernährten Kindern oder von zerstörter Infrastruktur. Dass die Realität anders aussieht, wissen wir alle. In der Entwicklungszusammenarbeit beschäftigen wir uns mit einem zutiefst ungerechten globalen Weltsystem, welches gerade durch uns hier im Westen gefüttert wird. Auf der Suche nach Transformation oder anders ausgedrückt Wirkungsorientierung und Reflektion, müssen wir uns hier in Baden-Württemberg unweigerlich mit Machtstrukturen oder auch mit den während der Kolonialzeit historisch gewachsenen Ungleichheiten beschäftigen. Am Beispiel Burundi sind das etwa die Kolonialzeit, der Klimawandel und Agrarsubventionen. Die Entwicklungsprobleme des Nordens wie Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung oder auch Demokratiedefizite sind in unserem Verständnis von Entwicklung bisher nicht vorgesehen gewesen. Entwicklungszusammenarbeit beginnt deshalb bei uns in den Industrieländern und in insbesondere in der Analyse der vorherrschenden Machtstrukturen.

Ein Umdenken muss stattfinden
An unterschiedlichen Stellen schreit einem die verquere Sicht der westlichen Entwicklungszusammenarbeit entgegen. Beispielsweise macht die finanzielle Entwicklungszusammenarbeit für den Süden aus dem Norden weniger als ein Drittel von dem aus, was an jährlichem Schuldendienst vom Süden in den Norden fließt. Das heißt faktisch, dass der Süden den Norden entwickelt. Wir wissen alle, welchen zentralen Beitrag die Rücküberweisungen, welche ebenso die staatliche Entwicklungszusammenarbeit um ein Vielfaches übersteigen, haben.

Was bedeutet das für uns als SEZ?
In diesem Prozess war für mich schnell die Erkenntnis da, dass es um eine Veränderung anzustoßen vielmehr um die ganz individuelle Veränderung und um die Reflektion unserer Organisation geht. Ich habe mich persönlich schon mit Büchern wie denen von Lucia Muriel, vom Verein „Glokal“ oder von Toupoka Ogotte auseinandergesetzt und wir bearbeiten als Team der SEZ das Thema Critical Whiteness.

In diesem Prozess kam ich zu der harten Wahrheit, dass sowohl ich, unsere Gesellschaftsform oder auch unsere Bildungspläne rassistisch geprägt sind. Beispielsweise war ich überrascht, als ich erstmalig feststellen musste, dass ich in der Schule von der Geschichte Deutschlands fast nichts über die Kolonialzeit erfahren habe. Oder ich ebenso während meines Wirtschaftsstudiums nichts über die Kolonialzeit gehört oder gelesen habe. Unserem Verständnis von Entwicklungszusammenarbeit liegt insgesamt ein westliches Menschenbild zu Grunde. Es folgt zumeist dem Grundgedanken, „wie im Westen, so auf Erden“.

Der Begriff Partnerschaft
Partnerschaft auf Augenhöhe ist meiner Meinung nach ein fiktives Ideal, das in der Praxis selten vorkommt. Partnerschaft ist ebenso ein inflationärer Begriff. Partnerschaft auf Augenhöhe damit zumeist auch eher eine Worthülse. Ich bin der Überzeugung, dass echte Partnerschaften nicht möglich sind, solange rassistische Bilder fortbestehen und politische und ökonomische Machtungleichgewichte nicht anerkannt werden. Trotzdem verwenden wir als SEZ den Begriff Partnerschaft oder Partnerschaftlichkeit. Uns geht es dabei um eine innere Haltung. Es geht um Menschlichkeit, um Beziehungen, um den täglichen Umgang mit Respekt, Toleranz, Ehrlichkeit, Vertrauen oder das Zuhören und Einbeziehen. Mit anderen Worten geht es uns um Partizipation und Teilhabe. Um das zu verdeutlichen verwende ich gerne den Begriff „Partnerschaft auf Herzhöhe“, den die Partnerorganisation “Afrokids International e.V.” geprägt hat.

Das Ziel einer echten Partnerschaft auf Augenhöhe ist für mich kein altruistischer oder philanthropischer Ansatz. Vielmehr leben große Teile der Mehrheitsgesellschaft in der westlichen Welt in einem Luxus auf Kosten anderer. Es geht also vielmehr um die Anerkennung des Menschenrechts auf ein würdevolles Leben von Allen. Es ist unsere Pflicht und Verantwortung unser Verhalten vor diesem Hintergrund zu verändern.

Was kann die SEZ tun?
Wir als SEZ wissen, dass wir erst am Anfang eines Prozesses stehen. Ich kann Ihnen nur versprechen, dass wir ernsthaft daran arbeiten, unsere Arbeit zu reflektieren sowie Machtstrukturen in Frage zu stellen und zu verändern. Wir wollen Teil der Transformation sein. Wir wollen beispielsweise innerhalb der Partnerschaft mit Burundi viel von Burunderinnen und Burundern lernen. Wir wollen offen sein für einen Dialog und offen für Veränderungen.“

Philipp Keil

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