SEZ-Sprechstunde mit: Jakob Mast

Jakob Mast ist 18 Jahre alt, Schüler an der Waldorfschule Freudenstadt und trägt seitdem er 14 Jahre alt ist ausschließlich nachhaltige Mode. Sein Lieblingsoutfit: Sneakers von Veja, eine Nudie Jeans und ein Hemd mit grafischen Blumen und Eulen von KnowledgeCotton Apparel. In der SEZ-Sprechstunde fragen wir eine Expertin oder einen Experten zum Thema des SEZletters. Heute berichtet Jakob davon, wie er überzeugter Fan von nachhaltiger Mode wurde und wie er sich im immer größer werdenden Slow-Fashion-Markt orientiert.

SEZ: Wann hast du damit begonnen, dich mit nachhaltigen Textilien und bewusstem Konsumverhalten zu beschäftigen? Gab es dafür einen ausschlaggebenden Moment in deinem Leben?  

Jakob: Das war eher ein Prozess. Nachdem ich mit 14 meine ersten Klamotten selbst gekauft habe, kam in mir die Frage auf, wie es eigentlich mit der Wertschöpfungskette von Kleidung aussieht. Meine Eltern haben schon immer Wert auf einen nachhaltigen Lebensstil gelegt. Ich bin mit dem Wissen groß geworden, dass unsere Böden das Wertvollste sind und dass es gilt, sie zu schützen. Auch weiß ich schon lange, dass wir zurzeit mehr Ressourcen verbrauchen, als es für die Ökosysteme verträglich ist. In unserem Familienalltag bezog sich das aber nur auf unseren Lebensmittelkonsum. Als ich 14 Jahre alt war saß ich im Zug und las die Autobiografie von Götz Werner. So kam ich ins Gespräch mit einem Referendar, der mir gegenübersaß. Wir unterhielten uns über Wirtschaftsfragen und über Postwachstumsgedanken. So kamen wir darauf, dass wir mit unseren täglichen Kaufentscheidungen eine große Verantwortung tragen. Denn etwas zu bezahlen heißt für den Händler: gut gemacht, weiter so! Es ist ein Ausdruck von Wertschätzung. Nachfrage und Angebot gestalten unsere Welt. Deshalb wird, wo es eine Nachfrage gibt, über kurz oder lang auch ein Angebot entstehen. Für mich war in diesem Moment klar, dass sich meine nachhaltigen Einkäufe zukünftig nicht nur auf fair gehandelte Bio-Lebensmittel beziehen können, sondern dass das eigentlich all meine Konsumgüter betreffen muss, insbesondere Textilien. Mein Gesprächspartner im Zug kam aus Freiburg und erzählte mir, dass es in Freiburg den Laden Zündstoff für nachhaltige Textilien gibt, die auch noch gut aussehen.  

SEZ: Wie zufrieden warst du mit deinen ersten nachhaltigen Kleidungsstücken?  

Jakob: Ich war sehr zufrieden. Die Qualität ist sehr gut gewesen und ich habe seitdem nur noch Lieblingsklamotten. Nach meinen ersten Einkäufen bei Zündstoff, Avocadostore, Greenality und Glore stellte ich mir immer mehr Fragen zum Thema nachhaltige Textilien. Ich fragte mich mehr und mehr, was das jetzt eigentlich bringt, dass ich das mache. Mir wurde dabei immer klarer, dass wir mit unserem Konsumverhalten eine Verantwortung für viele andere Menschen tragen, etwa für die Näherinnen in Bangladesch. Wir bestimmen mit unseren Einkäufen über ihr Leben. Wir beeinflussen auch, mit welchen Pestiziden die Baumwollfelder und Böden von Menschen etwa in Afrika vergiftet werden. Irgendwie trifft uns auch eine Schuld. Ich wollte und will Vieles von dem, wie es läuft, einfach nicht mehr.  

SEZ: Wieviele Klamotten besitzt du und wie finanzierst du diesen nachhaltigen Konsum?

Jakob: Ich besitze wahrscheinlich wesentlich weniger Kleidung, als viele andere. Dafür trage ich sie alle extrem gerne. Ich habe einen Sweater, 3 Nude-Jeans und ein paar Hemden von KnowledgeCotton Apparel. Ich habe mit meinen Eltern die Vereinbarung getroffen, dass ich einen bestimmten Betrag pro Jahr für meine Kleidung zur Verfügung habe. Wie und für was ich es ausgebe, bleibt mir überlassen. Ich habe mich also für weniger ist mehr entschieden. Als ich kleiner war, habe ich all meine Klamotten von meinen älteren Cousins und Cousinen bekommen, wenn sie ihnen zu klein geworden sind. Auch das ist für mich nachhaltiger Textilkonsum.

 
SEZ: Wie orientierst du dich auf dem immer größer werdenden Markt?

Jakob: Ich achte in erster Linie darauf, ob das Kleidungsstück GOTS-zertifiziert ist. GOTS steht für Global Organic Textile Standard. Hier wird die Rohstoffproduktion, also der Anbau oder die Herstellung der Fasern, die Produktion und Weiterverarbeitung von Garnen und Stoffen zu einem fertigen Kleidungsstück und der Transportweg von einem Produktionsschritt zum nächsten bis hin zum Endverbraucher überprüft. Auch das Siegel der Fair Wear Foundation (FWF) finde ich sehr hilfreich. Für mich umfassen diese beiden Siegel wichtige Aspekte der Wertschöpfungskette. Nach wie vor schaue ich online gerne mal bei Zündstoff, Avocadostore oder direkt bei meinen Lieblingsmarken. Am liebsten gehe ich aber in die Läden. Die kann man gut auf der Internetplattform https://www.getchanged.net/ finden und sich dort Siegelklarheit verschaffen.

SEZ: Was bedeuten für dich nachhaltige Textilien?

Jakob: Nachhaltige Textilien bedeuten für mich, schöne Dinge zu produzieren und zu konsumieren, mit Respekt und Achtung denjenigen gegenüber, die sie angebaut und hergestellt haben. Kurz: verantwortungsvolles Wirtschaften.

SEZ: Wie reagiert dein Umfeld, etwa Mitschülerinnen und Mitschüler und Freunde auf dein Konsumverhalten?  

Jakob: Anerkennend und ich habe oft Komplimente für meine KnowledgeCottonApparell-Hemden bekommen. Manchmal sagen mir auch Freunde, dass sie die Thematik wichtig finden. Ein paar wenige kaufen auch nachhaltige Klamotten. Wir können uns gegenseitig inspirieren. 

SEZ: Woran liegt es, dass es nach wie vor relativ wenige Menschen bereit sind, nachhaltiger zu konsumieren, insbesondere im Bereich Mode?

Jakob: Wenn ich mit Freundinnen und Freunden shoppen gehe, ist oft der Preis eine Hemmschwelle. Wenn man jedoch ein bisschen weniger kauft und dafür aber nur Lieblingsklamotten, dann ist es gar nicht so teuer, wie es scheint. Eine zweite Hemmschwelle ist meiner Meinung nach, dass man meint, das eigene Konsumverhalten würde nichts ändern. Kaufen ist nicht nur ein Bezahlen, sondern auch ein Beauftragen. Meine Verantwortung ist beim Kaufen nur nicht so offensichtlich, wie wenn ich mit einem Menschen, der in prekären Verhältnissen ist, Angesicht zu Angesicht einen Vertrag mache, aber eigentlich ist es dasselbe. Eine weitere Hemmschwelle ist auch die Gewohnheit. Veränderungen sind immer anstrengend, wenn man nicht vom Mainstream einfach mitgeschwemmt wird. Die Slow-Fashion-Bewegung besteht hauptsächlich aus sehr vielen jungen Labels, die alle noch wachsen. Ich glaube, dass es seine Zeit braucht, bis die sich etabliert haben, so wie Bio-Lebensmittel oder Fairtrade-Kaffee. 

SEZ: Viele Menschen wissen, dass irgendjemand den Preis für ein 5-Euro-T-Shirt bezahlt. Trotzdem verändern sie ihr Konsumverhalten nicht. Woran liegt das Deiner Meinung nach?

Jakob: Ich denke auch, dass viele Menschen zumindest wissen, dass es so wie es jetzt läuft nicht weitergehen kann. Ich unterstelle auch, dass fast jede und fast jeder weiß, dass sie oder er durch den Kauf eines Produkts etwas verändern kann. Ich nenne das passive Verantwortung, die wir durch dieses Wissen alle tragen. Verantwortung für die Arbeitsbedingungen der beschäftigten Menschen und Verantwortung für die ökologische Verträglichkeit der Produktion meiner Konsumgüter. Die aktive Verantwortung liegt darin, auch tatsächlich etwas zu tun. Ich glaube viele lähmt der Gedanke, dass eine oder einer allein ja nicht die ganze Welt retten kann. Denn es erscheint so, als gäbe es momentan einfach zu viele Probleme auf der Welt.

SEZ: Und wie gehst du mit dieser Verantwortung um?

Jakob: Meine Tante, die immer auf Zack ist, sagt immer „einfach machen!“. Und die Erfahrung gibt ihr recht. Wenn man erst einmal angefangen hat, dann ist es eigentlich ganz einfach etwas zu verändern. Mein Gitarrenlehrer sagt dasselbe: „Wenn du dir überlegst, ob du jetzt üben sollst oder nicht, denk nicht zu lange nach, sondern setz dich einfach hin und mach.“ Das Problem liegt meistens darin, dass es einfach zu viele Dinge gibt, die sagen „Mach einfach“. In der Natur kann man ja viele Dinge beobachten, die auch sinnbildlich für menschliche Phänomene stehen. Ein sehr einfaches Wesen ist der Polyp. Er steht mit seinem Fuß auf dem Meeresboden und wartet, dass Nahrung vorbeischwimmt. Sobald Nahrung in der Nähe ist, streckt er seine Ärmchen aus, die Nahrung zu umschließen und anschließend zu verdauen. Wenn jetzt allerdings zwei Nahrungsstücke in gleichem Abstand von dem Polypen in entgegengesetzter Richtung entfernt sind, streckt er das eine Ärmchen in die eine Richtung, das andere in die Richtung. Rein theoretisch kann er so verhungern. Zum Glück gibt es jedoch im Meer Strömungen, sodass es nie dazu kommen wird. Wir können Entscheidungen nicht nur aus dem Kopf fällen. Dafür haben wir viel zu viele Möglichkeiten. Wenn man es im Herzen bewegt hat, kann man es aus dem Bauch heraus entscheiden. Man darf sich ruhig ins Ungewisse stürzen und die Komfortzone verlassen, man sollte nicht vor sich selbst Halt machen. Die Chancen, die in jedem einzelnen stecken, sind so unglaublich.

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